
Die drei großen deutschen Autoländer erhöhen gemeinsam den Druck auf Berlin und Brüssel. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Baden-Württembergs Regierungschef Cem Özdemir und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies haben einen umfangreichen Forderungskatalog zur Zukunft der deutschen Automobilindustrie vorgelegt. Der parteiübergreifende Vorstoß reicht von niedrigeren Energiepreisen über neue Kaufanreize bis zu zusätzlichen Schutzinstrumenten gegenüber China.
Als Rettungsplan für die Autoindustrie wird das Papier teilweise beschrieben. Einen eigenen milliardenschweren Rettungsfonds oder ein konkretes Hilfspaket mit festgelegtem Finanzvolumen enthält es jedoch nicht. Die Ministerpräsidenten verlangen vielmehr Änderungen an einer ganzen Reihe von wirtschafts-, energie-, industrie- und handelspolitischen Regeln. Adressaten sind sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Union.
Ein Schwerpunkt liegt auf den Standortkosten in Deutschland. Die drei Länder verlangen niedrigere Energiekosten für Unternehmen und wollen unter anderem Netzentgelte und Stromsteuer stärker senken. Für Ladestrom soll die Stromsteuer nach ihrer Vorstellung auf das europarechtlich mögliche Mindestniveau fallen. Auch andere staatlich veranlasste Bestandteile des Ladepreises sollen reduziert werden.
Zugleich fordern die Ministerpräsidenten schnellere Genehmigungen und weniger Berichtspflichten. Verfahren für Ladeinfrastruktur und industrielle Investitionen sollen stärker digitalisiert und vereinfacht werden. Hinzu kommen Forderungen nach zusätzlichen Investitionen in Straßen, Schienen, Brücken, Glasfasernetze sowie Zukunftstechnologien wie Halbleiter, künstliche Intelligenz, Batterien und klimafreundliche Produktion.
Bei der Elektromobilität wollen Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen die bestehenden Kaufanreize erweitern. Das aktuelle Förderprogramm des Bundes richtet sich vor allem auf neue Fahrzeuge. Die Länder wollen die Förderung auch für gebrauchte Elektroautos öffnen. Damit soll nach ihrer Darstellung der Gebrauchtwagenmarkt gestärkt und die Entwicklung der Restwerte stabilisiert werden.
Besonders weitreichend sind die Forderungen bei den europäischen CO2-Vorgaben. Das derzeit geltende EU-Recht sieht für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ab 2035 eine vollständige Reduzierung der Flottenemissionen gegenüber dem Ausgangswert vor. Die EU-Kommission hat Ende 2025 bereits vorgeschlagen, dieses Ziel auf eine Reduzierung der Auspuffemissionen um 90 Prozent zu verändern. Die verbleibenden zehn Prozent sollen nach dem Kommissionsmodell unter anderem durch klimafreundlicheren Stahl oder erneuerbare Kraftstoffe ausgeglichen werden.
Die drei Ministerpräsidenten wollen darüber hinausgehen. Sie fordern ein pauschales Minderungsziel von 90 Prozent ohne eine solche Kompensationspflicht. Außerdem sollen erneuerbare Kraftstoffe stärker berücksichtigt und Fahrzeuge, die ausschließlich mit solchen Kraftstoffen betrieben werden, in der Flottenregulierung als emissionsfrei angerechnet werden können.
Auch Plug-in-Hybride, Fahrzeuge mit Range Extender und besonders effiziente Verbrennungsmotoren sollen nach dem Willen der Länder länger eine Rolle spielen können. Zusätzlich verlangen die Regierungschefs längere Berechnungszeiträume für die CO2-Ziele, damit Hersteller schwächere Jahre mit besseren Ergebnissen anderer Jahre ausgleichen können.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Wettbewerb mit chinesischen Herstellern. Die Europäische Union erhebt bereits Ausgleichszölle auf bestimmte batterieelektrische Fahrzeuge aus China. Die endgültigen zusätzlichen Zölle liegen je nach Hersteller bei bis zu 35,3 Prozent. Plug-in-Hybride fallen bislang nicht unter diese Regelung.
Genau dort setzen die drei Länder an. Sie verlangen, dass die europäischen Antisubventionsuntersuchungen auch auf Plug-in-Hybride ausgeweitet werden. Daneben sollen sogenannte Local-Content-Regeln dafür sorgen, dass ein größerer Teil der Wertschöpfung in Europa stattfindet. Das betrifft beispielsweise Produktion, Zulieferteile und strategisch wichtige Technologien.
Die Länder sprechen sich zugleich nicht für eine generelle Abschottung vom chinesischen Markt aus. China bleibt für deutsche Hersteller ein wichtiger Absatzmarkt und Produktionsstandort. Die Ministerpräsidenten verbinden ihre Forderungen deshalb mit dem Ziel, weitere Handelsabkommen abzuschließen und neue Exportmärkte für europäische Hersteller zu erschließen.
Hinter dem Vorstoß stehen deutliche Veränderungen in der deutschen Automobilindustrie. Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch rund 691.500 Menschen in der Branche. Das waren 42.300 Beschäftigte oder 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Damit lag die Beschäftigung auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005.
Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Herstellern von Autoteilen und Zubehör aus. Dort sank die Beschäftigtenzahl innerhalb eines Jahres um 7,6 Prozent auf rund 219.500. Bei den Herstellern von Kraftwagen und Motoren waren rund 429.200 Menschen beschäftigt, 6,1 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Auch die Produktion bleibt unter früheren Niveaus. Von Januar bis August 2026 wurden in Deutschland rund 2,65 Millionen Pkw hergestellt. Das waren vier Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und rund 16 Prozent weniger als 2019. Die Pkw-Exporte gingen in den ersten acht Monaten um fünf Prozent auf rund 2,01 Millionen Fahrzeuge zurück.
Gleichzeitig entwickelt sich der Absatz von Elektroautos deutlich stärker. In Deutschland wurden von Januar bis August rund 515.500 reine Elektroautos neu zugelassen. Das entsprach einem Zuwachs von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Insgesamt lagen die Pkw-Neuzulassungen mit knapp 1,97 Millionen Fahrzeugen fünf Prozent über dem Vorjahreswert. Die Krise der Branche zeigt sich damit nicht in allen Marktsegmenten gleichermaßen.
Eine geschlossene Antwort der Bundesregierung auf den gesamten Forderungskatalog lag am Freitagmorgen zunächst nicht vor. Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil hat sich allerdings bei einem Besuch am Volkswagen-Stammsitz in Wolfsburg für einen härteren handelspolitischen Kurs ausgesprochen.
Klingbeil will sich innerhalb der Bundesregierung unter anderem für Maßnahmen gegen chinesische Plug-in-Hybride und strengere Vorgaben zur lokalen Wertschöpfung einsetzen. Damit gibt es beim Thema China deutliche Überschneidungen mit dem Papier der drei Ministerpräsidenten.
In anderen Bereichen hat der Bund bereits Maßnahmen beschlossen. Käufer neuer Elektrofahrzeuge können seit 2026 abhängig von Einkommen, Fahrzeug und Familiengröße Zuschüsse von bis zu 6.000 Euro erhalten. Die Kfz-Steuerbefreiung für reine Elektrofahrzeuge wurde verlängert, zudem gelten günstigere Abschreibungsregeln für elektrische Firmenfahrzeuge. Die drei Autoländer halten diese Schritte für nicht ausreichend und verlangen zusätzliche Änderungen bei Energiekosten, Regulierung, Gebrauchtwagenförderung und Handelspolitik.
Damit verschiebt sich die politische Auseinandersetzung zunehmend von der Frage, ob die Autoindustrie unterstützt werden soll, hin zur konkreten Ausgestaltung. Vor allem bei den europäischen CO2-Regeln, beim Umgang mit chinesischen Importen und bei der Finanzierung niedrigerer Energiekosten liegen nun konkrete Forderungen der drei wichtigsten deutschen Autostandorte auf dem Tisch.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu