Russland entzieht Nestlé vorerst die Kontrolle über wichtige Töchter

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Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé verliert vorerst einen wesentlichen Teil der Kontrolle über sein Geschäft in Russland. Der russische Präsident Wladimir Putin hat Beteiligungen an zwei russischen Nestlé-Gesellschaften unter eine externe Verwaltung gestellt. Der Konzern erklärte am Freitag, 18. September 2026, er prüfe die Situation und seine Handlungsoptionen. Konkrete rechtliche oder unternehmerische Schritte nannte Nestlé zunächst nicht.

Die Entscheidung betrifft Nestlé Russia und Nestlé Kuban. Die von Nestlé-Gesellschaften in der Schweiz und Deutschland gehaltenen Anteile werden künftig von der russischen Gesellschaft L.E.V. Management verwaltet. Bei beiden russischen Unternehmen umfasst die Maßnahme zusammen jeweils sämtliche Anteile. Damit greift Moskau tief in die Führung des Russlandgeschäfts ein, ohne Nestlé nach der derzeit geltenden Konstruktion formell das Eigentum an den Beteiligungen zu entziehen.

Was die Fremdverwaltung für Nestlé bedeutet

Rechtsgrundlage ist ein russisches Präsidialdekret aus dem Jahr 2023, das seitdem mehrfach um weitere Vermögenswerte und Unternehmen ergänzt wurde. Es erlaubt die vorübergehende Verwaltung von Eigentum, Beteiligungen und anderen Rechten von Personen und Unternehmen aus Staaten, die Russland als unfreundlich einstuft.

Der eingesetzte Verwalter kann nach diesem Regelwerk wesentliche Befugnisse eines Eigentümers wahrnehmen. Ausgenommen ist grundsätzlich die Verfügung über das verwaltete Vermögen. Das bedeutet, dass die Fremdverwaltung für sich genommen weder einen Verkauf noch einen Eigentümerwechsel anordnet. Sie entzieht dem bisherigen Eigentümer jedoch weitgehend die Möglichkeit, seine Beteiligung selbst zu steuern. Beendet werden kann die vorübergehende Verwaltung durch eine Entscheidung des russischen Präsidenten.

Für Nestlé in Russland entsteht damit eine ungewöhnliche Situation. Der Konzern hält seine Beteiligungen formal weiter, die operative Kontrolle über die betroffenen Anteile liegt zunächst jedoch bei einem von Moskau bestimmten Verwalter. Nestlé erklärte, alle notwendigen Schritte zum Schutz seiner Rechte prüfen zu wollen. Zugleich wolle das Unternehmen die Fortführung des Geschäftsbetriebs im Interesse seiner Beteiligten sicherstellen und verwies dabei besonders auf die Beschäftigten.

Russlandgeschäft beschäftigt rund 7.000 Menschen

Nestlé gehört trotz der seit 2022 erheblich eingeschränkten Aktivitäten weiterhin zu den großen internationalen Lebensmittelherstellern mit eigener Produktion in Russland. Das Unternehmen verfügt dort über sechs Werke. Produziert werden unter anderem Kaffee, Tiernahrung und Säuglingsnahrung. Rund 7.000 Menschen arbeiten nach aktuellen Konzernangaben für Nestlé in Russland.

Wie groß das Geschäft heute finanziell ist, lässt sich aus den veröffentlichten Konzernzahlen nicht exakt bestimmen. Nestlé weist seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine keine aktuellen separaten Russland-Umsätze mehr aus. Für 2021, das letzte Jahr mit einer entsprechenden Angabe, lagen die Erlöse in Russland bei rund zwei Milliarden Schweizer Franken. Der gesamte Nestlé-Konzern kam damals auf 87,1 Milliarden Franken Umsatz. Das Russlandgeschäft entsprach damit rechnerisch etwas mehr als zwei Prozent des damaligen Konzernumsatzes.

Nach Beginn des Kriegs hatte Nestlé seine Aktivitäten deutlich zurückgefahren. Der Konzern stoppte unter anderem Investitionen sowie nicht notwendige Importe und Exporte und reduzierte sein Sortiment. Auch Werbung wurde eingestellt. Nestlé konzentrierte seine russischen Aktivitäten stärker auf Lebensmittel für den täglichen Bedarf. Die Produktionsstandorte blieben jedoch bestehen.

Dekret trifft auch Auchan und Logistikunternehmen

Nestlé ist nicht das einzige international verbundene Unternehmen, das von der neuen Entscheidung betroffen ist. Das Dekret vom 17. September umfasst insgesamt 16 russische Gesellschaften. Dazu gehört die russische Tochter des französischen Handelskonzerns Auchan. Ebenfalls erfasst werden drei Gesellschaften des französischen Logistikkonzerns FM Logistic sowie weitere Unternehmen aus dem Logistik- und Immobilienbereich.

Unter die Verwaltung fällt zudem die Gesellschaft Le Monlid, über die die Baumarktkette Lemana Pro betrieben wird. Sie ging aus dem früheren Russlandgeschäft von Leroy Merlin hervor. Dort ist die Eigentümerstruktur allerdings inzwischen verändert worden, nachdem der französische Mutterkonzern Adeo bereits zuvor die Kontrolle über das russische Geschäft abgegeben hatte.

Als Verwalter der betroffenen Beteiligungen wurde L.E.V. Management bestimmt. Die Gesellschaft wurde 2024 in Moskau gegründet. Ihre Aufgabe geht mit dem neuen Dekret weit über Nestlé hinaus, weil unter einem Verwalter Unternehmen aus mehreren voneinander unabhängigen Branchen zusammengefasst werden.

Russland nutzt das Instrument seit 2023

Die Fremdverwaltung ausländischer Unternehmensbeteiligungen ist kein neues Instrument. Als die Regelung 2023 eingeführt wurde, gehörten Beteiligungen des deutschen Energiekonzerns Uniper und des finnischen Unternehmens Fortum zu den ersten erfassten Vermögenswerten. Später stellte Russland unter anderem das dortige Geschäft des französischen Lebensmittelkonzerns Danone und die Beteiligung des dänischen Brauers Carlsberg an Baltika unter eine solche Verwaltung.

Die bisherigen Fälle zeigen zugleich, dass eine Fremdverwaltung nicht automatisch festlegt, wie ein Unternehmen langfristig behandelt wird. Bei einzelnen Gesellschaften wurde sie später wieder aufgehoben und es folgten Eigentümerwechsel. Aus dem aktuellen Dekret allein lässt sich deshalb nicht ableiten, dass auch die Nestlé-Beteiligungen verkauft werden sollen.

Bereits im August war bekannt geworden, dass die russische Gesellschaft KS Logistika eine Fremdverwaltung mehrerer Nestlé-Unternehmen angeregt haben soll. Dabei war von fünf Gesellschaften die Rede. Das nun veröffentlichte Dekret erfasst bei Nestlé konkret die Beteiligungen an Nestlé Russia und Nestlé Kuban. Welche weiteren Schritte die russischen Behörden planen und welche rechtlichen Möglichkeiten Nestlé ergreift, war am Freitagmorgen noch offen.

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