
Die deutsche Digitalwirtschaft kommt nach einer neuen Untersuchung des Bundesverbands Digitale Wirtschaft, kurz BVDW, und des Mannheimer Unternehmens ISTARI.AI auf eine jährliche Bruttowertschöpfung von 481,5 Milliarden Euro. Das entspricht nach Berechnung der Studienautoren einem Anteil von 11,91 Prozent an der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Die Digitalwirtschaft in Deutschland wäre damit nach dieser Abgrenzung volkswirtschaftlich erheblich größer als klassische Einzelbranchen wie der Automobilbau.
Bei den Zahlen handelt es sich allerdings nicht um eine neue amtliche Branchenstatistik. BVDW und ISTARI.AI verwenden ein eigenes Verfahren, bei dem Unternehmen mithilfe öffentlich verfügbarer Webdaten und künstlicher Intelligenz nach dem Grad ihrer digitalen Wertschöpfung eingeordnet werden. Die daraus abgeleiteten Angaben zur Wertschöpfung und Beschäftigung sind deshalb als Ergebnisse der Studie und ihrer Modellierung zu verstehen.
Nach den am Mittwoch veröffentlichten Ergebnissen rechnen BVDW und ISTARI.AI rund 229.000 Unternehmen unmittelbar zur Digitalwirtschaft. Davon gehören etwa 63.000 Unternehmen zur sogenannten digitalen Kernwirtschaft. Gemeint sind Firmen, deren Produkte oder Leistungen nahezu vollständig digital erbracht werden, etwa Softwareanbieter oder Plattformunternehmen. Ihre Bruttowertschöpfung lag der Untersuchung zufolge bei rund 192 Milliarden Euro.
Weitere rund 166.000 Unternehmen ordnen die Autoren den digital getriebenen Geschäftsmodellen zu. In dieser Gruppe sind digitale Technologien ein wesentlicher Bestandteil der Wertschöpfung, obwohl die Leistung nicht ausschließlich digital erbracht werden muss. Als Beispiel wird der reine Online-Handel genannt. Auf diese Gruppe entfielen laut Studie knapp 289 Milliarden Euro. Zusammen ergeben beide Kategorien die ausgewiesenen 481,5 Milliarden Euro.
Der BVDW hatte bereits im Juni erste Ergebnisse der Untersuchung vorgelegt. Damals wurden neben der digitalen Kernwirtschaft und den digital getriebenen Geschäftsmodellen zusätzlich rund 124.000 Unternehmen als digital transformierte Unternehmen klassifiziert. Insgesamt kam die Untersuchung damit auf etwa 352.600 Firmen, die mindestens einer der drei digitalen Kategorien zugeordnet wurden.
Werden auch diese digital transformierten Unternehmen aus klassischen Wirtschaftszweigen einbezogen, steigt die von den Studienautoren berechnete digital geprägte Bruttowertschöpfung auf mehr als 1,01 Billionen Euro. Das entspräche mehr als einem Viertel der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Auch diese Zahl ist eine Modellrechnung auf Basis der von BVDW und ISTARI.AI vorgenommenen Unternehmensklassifizierung.
Die Abgrenzung unterscheidet sich damit deutlich von der traditionellen amtlichen Wirtschaftsstatistik. Das Statistische Bundesamt ordnet Unternehmen nach festgelegten Wirtschaftszweigen ein. ISTARI.AI wertet dagegen unter anderem öffentlich verfügbare Informationen über Geschäftsmodelle, Produkte und Unternehmensaktivitäten aus und klassifiziert Firmen anhand ihrer tatsächlichen digitalen Wertschöpfung. Grundlage ist nach Angaben des BVDW der sogenannte Global Organization Index von ISTARI.AI.
Für die aktuelle Auswertung wurden nach Angaben der Untersuchung die Webpräsenzen und Geschäftsaktivitäten von rund 1,4 Millionen Unternehmen betrachtet. Der zugrunde liegende Datensatz von ISTARI.AI enthält nach eigenen Angaben rund 1,8 Millionen aktive Organisationen in Deutschland.
BVDW und ISTARI.AI stellen die errechnete Größe der Digitalwirtschaft auch der Automobilindustrie gegenüber. Die 11,91 Prozent liegen deutlich über früher ausgewiesenen Anteilen des Wirtschaftsbereichs Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen.
Ein direkter Vergleich muss jedoch zeitlich eingeordnet werden. Das Statistische Bundesamt bezifferte den Anteil der Automobilindustrie an der gesamten Bruttowertschöpfung für das Jahr 2015 auf 4,5 Prozent und für 2016 auf 4,7 Prozent. Für 2016 lag die Bruttowertschöpfung der Branche nach damaligem Datenstand bei 134,9 Milliarden Euro. Die häufig genannte Größenordnung von rund 4,5 bis 5 Prozent beruht somit auf amtlichen Angaben, allerdings nicht auf einer für 2026 veröffentlichten aktuellen Einzelbranchenquote.
Hinzu kommt ein methodischer Unterschied: Die amtliche Automobilstatistik bezieht sich auf einen klar abgegrenzten Wirtschaftszweig. Die neue Digitalstudie führt dagegen Unternehmen aus zahlreichen klassischen Branchen anhand des Digitalisierungsgrades ihres Geschäftsmodells zusammen. Die beiden Größen sind deshalb nicht vollständig nach derselben statistischen Logik gebildet.
Zum Vergleich lag die gesamte Bruttowertschöpfung Deutschlands nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2024 nominal bei rund 3,92 Billionen Euro. Für 2025 meldete Destatis preisbereinigt einen leichten Rückgang der gesamten Bruttowertschöpfung um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Auch für den Arbeitsmarkt weist die Untersuchung hohe Größenordnungen aus. Die digitale Kernwirtschaft und die digital getriebenen Geschäftsmodelle stehen nach Berechnung der Autoren für rund neun Millionen Arbeitsplätze. Werden zusätzlich die digital transformierten Unternehmen berücksichtigt, steigt die Zahl nach der Studie auf mehr als 15 Millionen Beschäftigungsverhältnisse.
Auch dabei handelt es sich um Ergebnisse der Studienabgrenzung und nicht um eine separate amtliche Beschäftigtenstatistik für einen Wirtschaftszweig namens Digitalwirtschaft.
Die Unternehmensstruktur ist den Ergebnissen zufolge stark mittelständisch geprägt. Rund 95 Prozent der erfassten digitalen Unternehmen werden von der Studie kleinen und mittleren Unternehmen zugerechnet. Bereits die im Juni vorgestellten Zwischenergebnisse zeigten, dass die digitale Kernwirtschaft in absoluten Zahlen vor allem aus kleinen und sehr kleinen Unternehmen besteht.
Die Untersuchung erweitert damit vor allem die Perspektive auf wirtschaftliche Digitalisierung. Sie soll Geschäftsmodelle erfassen, die in traditionellen Branchenstatistiken nicht zwingend gemeinsam erscheinen. Der BVDW orientiert sich dabei nach eigenen Angaben an einem Modell konzentrischer Kreise der OECD und unterscheidet zwischen digitaler Kernwirtschaft, digital getriebenen Geschäftsmodellen und digital transformierten Branchen.
Der Ansatz hat den Vorteil, digitale Aktivitäten branchenübergreifend abzubilden. Gleichzeitig hängt das Ergebnis davon ab, nach welchen Kriterien Unternehmen klassifiziert und wie ihnen Wertschöpfung sowie Beschäftigung zugerechnet werden. Deshalb lassen sich die 481,5 Milliarden Euro nicht wie eine unmittelbar gemessene Destatis-Kennzahl behandeln.
Die Studie zeigt damit vor allem, wie groß der wirtschaftliche Einfluss digitaler Geschäftsmodelle ausfällt, wenn Unternehmen nicht ausschließlich nach traditionellen Wirtschaftszweigen, sondern nach ihrer tatsächlichen digitalen Tätigkeit gruppiert werden.






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