
Die Europäische Union verschärft den Schutz eines Spezialstahls, der für Transformatoren und damit für moderne Stromnetze eine zentrale Rolle spielt. Die EU-Kommission hat vorläufige Schutzmaßnahmen für kornorientiertes Elektroblech beschlossen. Davon kann auch Thyssenkrupp Electrical Steel mit seinem Werk in Gelsenkirchen profitieren. Der Standort gehört zu den wenigen Produktionsstätten in Europa, die diesen technisch anspruchsvollen Werkstoff herstellen.
Die neuen Regeln treten am 25. September 2026 in Kraft und gelten zunächst 155 Kalendertage bis zum 26. Februar 2027. Anders als bei einem pauschalen Einfuhrzoll kombiniert die EU Importkontingente mit Preisuntergrenzen. Die Höhe einer möglichen zusätzlichen Abgabe hängt damit sowohl von der eingeführten Menge als auch vom Einfuhrpreis und der jeweiligen Qualität des Elektroblechs ab.
Für kornorientiertes Elektroblech gelten innerhalb der vorgesehenen Einfuhrkontingente je nach Produktqualität Preisgrenzen von 2.800, 3.100 oder 3.400 Euro je Tonne. Für Mengen oberhalb der jeweiligen Kontingente liegt die Schwelle bei 3.500 Euro je Tonne. Wird Ware günstiger in die EU eingeführt, entspricht der zusätzliche Zoll grundsätzlich der Differenz zwischen dem tatsächlichen Einfuhrpreis und der festgelegten Schwelle. Liegt der Preis auf oder oberhalb der Schwelle, fällt diese zusätzliche Abgabe nicht an.
Für China sieht die Verordnung bis zum Ende der vorläufigen Maßnahme ein Kontingent von rund 30.694 Tonnen kornorientiertem Elektroblech vor. Für Japan sind rund 23.104 Tonnen vorgesehen, für Südkorea rund 4.790 Tonnen. Weitere Lieferländer teilen sich ein Kontingent von rund 5.360 Tonnen. Die Kontingente werden grundsätzlich nach dem Prinzip vergeben, dass zuerst angemeldete Einfuhren zuerst berücksichtigt werden.
Die EU geht noch einen Schritt weiter. Der Schutz erfasst nicht nur das eigentliche Elektroblech, sondern auch daraus gefertigte Lamellen und Transformatorenkerne. Für Lamellen liegen die Preisgrenzen bei 4.000 Euro je Tonne innerhalb und 4.550 Euro außerhalb des Kontingents. Bei Kernen sind es 5.000 beziehungsweise 5.600 Euro. Werden entsprechende Kerne bereits eingebaut in Transformatoren eingeführt, sieht die Verordnung eine Abgabe von 1.140 Euro je Tonne des enthaltenen Kerns vor. Für diese eingebauten Kerne gibt es kein Mengen-Kontingent.
Die EU-Kommission hatte die Untersuchung Ende März 2026 eingeleitet. Grundlage der nun beschlossenen Maßnahmen sind Daten zur Entwicklung des europäischen Marktes zwischen 2021 und 2025. Nach Berechnungen der Kommission nahmen die Einfuhren der untersuchten Produkte in diesem Zeitraum um 120 Prozent zu. Gleichzeitig stieg die Nachfrage in der EU um 32 Prozent.
Die europäischen Hersteller konnten von diesem Wachstum nach den Ergebnissen der Untersuchung jedoch nur eingeschränkt profitieren. Ihr Marktanteil sank von 66 Prozent im Jahr 2021 auf 43 Prozent im Jahr 2025. Die Produktion ging im selben Zeitraum um neun Prozent zurück, während die vorhandene Produktionskapazität ausgebaut wurde. Die Auslastung der Anlagen sank dadurch von 85 auf 71 Prozent.
Besonders stark wuchsen die Lieferungen aus China. Im Jahr 2025 kamen nach Angaben der EU-Kommission 53 Prozent der untersuchten Importe aus China. Japan erreichte einen Anteil von 20 Prozent, die Türkei 13 Prozent. Die Kommission kam vorläufig zu dem Ergebnis, dass die gestiegenen Einfuhren erheblich zur wirtschaftlichen Belastung der europäischen Hersteller beigetragen haben.
In der EU-Verordnung wird Thyssenkrupp Electrical Steel in Gelsenkirchen ausdrücklich als einer der europäischen Hersteller von kornorientiertem Elektroblech aufgeführt. Das Unternehmen produziert dort Elektroband der Marke powercore. Ein weiterer europäischer Standort befindet sich im französischen Isbergues.
Der Importdruck hatte bereits konkrete Auswirkungen auf die Produktion. Thyssenkrupp hatte Ende 2025 zeitweise die Fertigung in Gelsenkirchen und Isbergues heruntergefahren. Im März 2026 kündigte das Unternehmen für den französischen Standort weitere Produktionskürzungen und eine mehrmonatige Stilllegung an. Thyssenkrupp verwies dabei auf stark gestiegene Niedrigpreisimporte. Nach Unternehmensangaben stehen an den Standorten Gelsenkirchen und Isbergues zusammen rund 1.200 Arbeitsplätze mit dem Geschäft rund um kornorientiertes Elektroband in Verbindung.
Die neue EU-Regel verbessert damit die handelspolitischen Rahmenbedingungen für das Geschäft in Gelsenkirchen. Eine Garantie für Produktionsmengen, Auslastung oder Beschäftigung ist damit jedoch nicht verbunden. Diese hängen weiterhin von Nachfrage, Kosten, Produktqualität und der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hersteller ab.
Kornorientiertes Elektroblech ist ein speziell behandelter Siliziumstahl mit besonders günstigen magnetischen Eigenschaften in einer festgelegten Richtung. Das Material wird vor allem für die Kerne von Transformatoren verwendet. Dort wird es immer wieder magnetisiert. Je geringer dabei die sogenannten Kernverluste sind, desto weniger elektrische Energie geht in Form von Wärme verloren.
Das ist für Stromnetze von großer Bedeutung. Transformatoren verändern die Spannung elektrischer Energie. Für den Transport über größere Entfernungen wird Strom auf hohe Spannungen gebracht und anschließend in mehreren Stufen wieder auf die für Industrie, Gewerbe und Haushalte benötigten Spannungsniveaus heruntertransformiert. Bei jedem dieser Schritte entstehen Verluste. Hochwertiges Elektroblech kann dazu beitragen, sie zu begrenzen.
Mit dem Ausbau von Windkraft und Photovoltaik, neuen Stromleitungen, Speichern, Ladeinfrastruktur und einer stärkeren Elektrifizierung wächst zugleich der Bedarf an Netztechnik. Transformatoren gehören deshalb zu den zentralen Bauteilen beim Umbau des Energiesystems. Die EU-Kommission bezeichnet die Verfügbarkeit von kornorientiertem Elektroblech und daraus gefertigten Kernen als wichtig für Versorgungssicherheit und Energiewende.
Die Kommission schottet den europäischen Markt mit der neuen Regelung nicht vollständig ab. Das System aus Kontingenten und Mindestpreisen soll Importe weiterhin ermöglichen. Das ist auch deshalb relevant, weil europäische Produzenten nach den Ergebnissen der Untersuchung derzeit nicht sämtliche besonders hochwertigen Qualitäten herstellen können, die für Transformatoren mit sehr niedrigen Energieverlusten benötigt werden. Gerade Lieferungen aus Japan und Südkorea bleiben deshalb für europäische Transformatorenhersteller wichtig.
Die vorläufige Maßnahme ist zudem noch nicht die endgültige Entscheidung. Die Schutzuntersuchung läuft weiter. Soll anschließend eine dauerhaftere Schutzmaßnahme eingeführt werden, muss die Kommission einen entsprechenden Vorschlag vorlegen. Für endgültige Maßnahmen ist im zuständigen Ausschuss eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten erforderlich.
Für Thyssenkrupp in Gelsenkirchen bedeutet der Beschluss damit zunächst einen zeitlich begrenzten Schutz vor besonders niedrig bepreisten Importen. Zugleich versucht die EU, genügend ausländisches Material für die europäische Transformatorenindustrie verfügbar zu halten. Damit berührt die Entscheidung nicht nur die Stahlindustrie, sondern eine Lieferkette, die vom Spezialstahl über Transformatoren bis zum Ausbau der europäischen Stromnetze reicht.
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