
Ein ungewöhnlicher Vorfall an einem Storchennest in der Region Hannover sorgt für Aufmerksamkeit: In Klein Lobke, einem Ortsteil von Sehnde, hat ein Gänsegeier Jungvögel in einem Weißstorchhorst gefressen. Nach übereinstimmenden Berichten hatte der große Greifvogel zuvor die Altstörche vertrieben. Die beiden Weißstörche konnten den Nachwuchs nicht schützen. Der Naturschutzbund Deutschland ordnete das Geschehen als außergewöhnlich ein, weil Gänsegeier in der Regel Aasfresser sind und nicht als typische Jäger lebender Jungvögel gelten.
Der Vorfall ereignete sich in Klein Lobke bei Sehnde in der Region Hannover. Das Storchennest befindet sich auf einem Hof. Nach den vorliegenden Berichten war der Gänsegeier rund zwei Tage in dem Ort zu sehen. Dabei wurde das Tier nicht nur wegen des Angriffs auf das Storchennest beobachtet, sondern auch, weil Gänsegeier in Niedersachsen selten auftauchen. Mehrere Ornithologen und Naturfotografen kamen nach Klein Lobke, um den Vogel zu sehen. Nach dem Abflug des Geiers kehrten die Altstörche wieder zu ihrem Horst zurück. Belastbare Hinweise auf weiteren Nachwuchs in diesem Nest gibt es derzeit nicht.
Die fachliche Einordnung macht den Fall überregional relevant. Der NABU verweist darauf, dass Gänsegeier normalerweise von Aas leben. Sie übernehmen in Ökosystemen eine wichtige Rolle als natürliche Kadaververwerter. Dass ein Gänsegeier Jungvögel in einem besetzten Storchennest frisst, gilt deshalb als ungewöhnliches Verhalten. Eine gesicherte Erklärung für den konkreten Angriff gibt es nicht. In den Berichten wird lediglich darauf verwiesen, dass der Vogel wahrscheinlich auf Nahrungssuche war. Spekulationen über ein dauerhaft verändertes Verhalten der Art lassen sich daraus nicht ableiten.
Der Vorfall fällt in eine Phase, in der nach NABU-Angaben wiederholt Gänsegeier in Deutschland beobachtet werden. Genannt werden Sichtungen in mehreren Regionen, unter anderem im Karwendelgebirge, am Ammersee, am Edersee, nahe Stuttgart und nun auch in der Region Hannover. Die Tiere stammen nach Einschätzung des NABU wahrscheinlich aus Frankreich oder Spanien. Sie gelten demnach nicht als Vögel, die in Deutschland neue Reviere suchen, sondern als großräumig umherziehende Nahrungsgäste. Gänsegeier können an einem Tag mehrere Hundert Kilometer zurücklegen und haben eine Flügelspannweite von deutlich mehr als zwei Metern.
Das Interesse an Storchennestern ist auch deshalb groß, weil der Weißstorch in Deutschland eine bemerkenswerte Bestandserholung erlebt hat. Nach einem starken Rückgang im 20. Jahrhundert stieg die Zahl der Brutpaare wieder deutlich. Der NABU nennt für 1988 nur noch 2.949 Brutpaare in Deutschland. 2023 waren es mehr als 12.000. Damit ist der Weißstorch vielerorts wieder sichtbarer geworden, besonders auf Dächern, Masten und künstlichen Nisthilfen. Die Erholung ist jedoch regional unterschiedlich. In westlichen Bundesländern haben sich die Bestände besonders stark entwickelt, während in einigen östlichen Regionen der Bruterfolg weiter Sorgen bereitet.
Ein wichtiger Grund für die Entwicklung liegt im veränderten Zugverhalten vieler Weißstörche. Vor allem sogenannte Westzieher überwintern heute häufiger auf der Iberischen Halbinsel, statt die lange Route bis nach Afrika zu nehmen. Dadurch sparen sie Kraft und sind geringeren Risiken auf dem Zug ausgesetzt. Viele Tiere kehren früher in die Brutgebiete zurück und besetzen ihre Horste entsprechend früh. Für den Schutz der Art bleibt dennoch entscheidend, dass ausreichend geeignete Lebensräume erhalten bleiben. Weißstörche brauchen vor allem nahrungsreiche Wiesen, Feuchtgebiete, extensiv genutztes Grünland und sichere Brutplätze.
Der Fall aus Sehnde zeigt, wie verletzlich das Leben im Storchennest trotz steigender Bestände bleibt. Jungstörche sind in den ersten Wochen auf Schutz, Wärme und regelmäßige Nahrung durch die Altvögel angewiesen. Hinzu kommen natürliche Risiken wie Unwetter, Nahrungsknappheit, Nestkämpfe oder einzelne Angriffe durch andere Tiere. Der konkrete Gänsegeier-Vorfall ist nach der vorliegenden Einordnung aber kein Hinweis auf eine regelmäßige Gefahr für Storchennester. Er bleibt ein ungewöhnliches Naturereignis, das vor allem deshalb auffällt, weil Störche in Deutschland wieder stärker wahrgenommen werden und viele Horste inzwischen öffentlich beobachtet werden.
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