JPMorgan gibt klares Ölpreis-Basisszenario im Iran-Konflikt auf

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Der Ölmarkt bleibt trotz der jüngsten Preisrückgänge außergewöhnlich schwer kalkulierbar. JPMorgan verzichtet deshalb derzeit auf ein klares Basisszenario für die weitere Preisentwicklung. Die Bank begründet das mit der anhaltenden Unsicherheit über Dauer und Ausgang der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und Iran sowie den Folgen für Förderung, Transportwege und Raffinerien. Ein Ölpreis über 100 Dollar bleibt damit ein wichtiger Belastungsfaktor für Verbraucher, Unternehmen und Notenbanken.

JPMorgan sieht kein belastbares Basisszenario mehr

Nach einer aktuellen Analyse von JPMorgan fehlt der Bank erstmals seit Beginn des Konflikts eine klare Basisannahme für den Ölmarkt. Zu Beginn der Auseinandersetzungen hatte das Institut noch damit gerechnet, dass wirtschaftliche Belastungsgrenzen den Konflikt einhegen könnten. Rund sechs Monate später hält JPMorgan diese Annahmen für deutlich unsicherer.

Die Bank verweist dabei auf bereits überschrittene Preis- und Belastungsniveaus. In den USA lagen Benzinpreise nach Angaben von JPMorgan zuletzt bei 4,37 US-Dollar je Gallone. Diesel lag demnach bei 6,31 Dollar je Gallone und damit auf einem Rekordniveau. Gleichzeitig seien die Lagerbestände niedrig. Diese Kombination erschwert eine Prognose darüber, wie stark weitere Störungen der Ölversorgung noch auf die Preise durchschlagen würden.

JPMorgan schätzte den aus fundamentalen Faktoren abgeleiteten Wert von Brent für September auf rund 90 Dollar je Barrel. Zum Zeitpunkt der Analyse wurde Brent jedoch in der Nähe von 106 Dollar gehandelt. Die Differenz deutet aus Sicht der Bank darauf hin, dass der Markt zusätzliche Risiken für die Versorgung einpreist. Das Institut geht davon aus, dass bereits rund zehn Millionen Barrel täglicher Förderung oder Versorgung durch den Konflikt beeinträchtigt sind.

Brent und WTI geben am Freitag nach

Am Freitag gerieten die Ölpreise zunächst deutlich unter Druck. Nach Reuters-Marktdaten lag die Nordseesorte Brent um 10.06 Uhr MESZ bei 102,68 US-Dollar je Barrel. Das entsprach einem Minus von rund zwei Prozent. Die US-Sorte West Texas Intermediate lag zum selben Zeitpunkt bei 100,08 Dollar je Barrel und damit rund 1,8 Prozent niedriger.

Damit fielen die Preise den dritten Handelstag in Folge. Ausschlaggebend waren vor allem geringere Sorgen über kurzfristige Ausfälle bei saudischen Lieferungen. Saudi-Arabien leitete zusätzliche Mengen über Oman, während zugleich die Aussicht bestand, Teile einer beschädigten Ost-West-Pipeline wieder in Betrieb zu nehmen. Hinzu kamen höhere Bestände an Ölprodukten in mehreren wichtigen Märkten und gestiegene chinesische Kraftstoffexporte.

Der Rückgang ändert allerdings nichts daran, dass Brent weiterhin deutlich über dem Niveau vor dem Krieg liegt. Die Internationale Energieagentur hatte für August einen durchschnittlichen Preis der Nordsee-Referenzsorte von 91 Dollar je Barrel ausgewiesen. Am 9. September war der Referenzpreis zeitweise bis auf 113,48 Dollar gestiegen.

Nachfrage fällt stärker als erwartet

Ein Grund dafür, dass die Ölpreise trotz großer Ausfälle nicht dauerhaft noch stärker gestiegen sind, ist die schwächere Nachfrage. JPMorgan beziffert den Rückgang der weltweiten Nachfrage gegenüber dem Vorjahr auf rund 4,4 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig seien die globalen Vorräte an Rohöl und Ölprodukten seit Beginn des Konflikts um etwa 555 Millionen Barrel gesunken. Das war deutlich weniger als von der Bank zunächst erwartet.

Auch die Internationale Energieagentur hat ihre Erwartungen zuletzt gesenkt. In ihrem Ölmarktbericht vom September rechnet sie für 2026 mit einem Rückgang der weltweiten Ölnachfrage um 2,5 Millionen Barrel pro Tag. Im August lag die globale Förderung nach IEA-Angaben bei 100,1 Millionen Barrel täglich. Mehr als zehn Millionen Barrel täglicher Produktion am Golf seien weiterhin außer Betrieb gewesen.

Damit wirken zwei Kräfte gegeneinander. Einerseits begrenzen Lieferausfälle, beschädigte Infrastruktur und Risiken für wichtige Seewege das Angebot. Andererseits dämpfen hohe Preise selbst die Nachfrage. Unternehmen reduzieren Verbrauch, Verbraucher fahren weniger oder wechseln auf günstigere Alternativen, und besonders energieintensive Branchen reagieren mit Einsparungen oder geringerer Produktion.

Hohe Ölpreise treffen Verbraucher schnell

Für private Haushalte zeigen sich höhere Rohölpreise vor allem an Tankstellen und über die Transportkosten. Die Europäische Zentralbank hat für den Euroraum festgestellt, dass Veränderungen bei Rohöl und raffinierten Kraftstoffen vergleichsweise schnell an die Verbraucherpreise weitergegeben werden. Ein kurzfristiges Modell der EZB kommt auf eine Größenordnung, bei der ein Anstieg des Ölpreises um ein Prozent mit einem Anstieg der Kraftstoffpreise um etwa 0,3 Prozent verbunden sein kann.

Die Weitergabe erfolgt jedoch nicht eins zu eins. Steuern, feste Kosten, Raffineriemargen, Wechselkurse und die Wettbewerbssituation beeinflussen, wie stark sich ein höherer Rohölpreis tatsächlich an der Zapfsäule niederschlägt. Im laufenden Jahr kamen ungewöhnlich hohe Raffineriemargen hinzu, insbesondere bei Diesel. Dadurch stiegen die Preise für raffinierte Produkte zeitweise stärker als der Rohölpreis allein erwarten ließ.

Höhere Dieselpreise treffen zudem den Güterverkehr, Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Teile der Industrie. Steigende Kerosinkosten können Fluggesellschaften belasten. Auch petrochemische Vorprodukte werden teurer, was sich mit Verzögerung auf Kunststoffe, Chemieprodukte und andere Güter auswirken kann.

Öl bleibt ein Inflationsrisiko für den Euroraum

Die EZB rechnet in ihrer September-Projektion für den Euroraum mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 3,0 Prozent im Jahr 2026. Im vierten Quartal könnte die Teuerungsrate nach der Projektion bei 3,6 Prozent ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Als wesentlichen Grund nennt die Notenbank die höheren Energiepreise infolge des Nahostkonflikts.

Für die Wirtschaft entsteht damit ein doppelter Effekt. Höhere Energiepreise verringern die reale Kaufkraft der Haushalte und erhöhen die Kosten vieler Unternehmen. Zugleich erschweren sie den Notenbanken die Aufgabe, die Inflation wieder dauerhaft in Richtung ihres Zielwerts zu bringen. Die EZB hat in ihren Risikoszenarien deshalb auch Varianten mit länger anhaltend hohen Energiepreisen untersucht. In solchen Szenarien fällt das Wirtschaftswachstum schwächer aus und die Inflation bleibt länger erhöht.

Wie stark diese Effekte tatsächlich ausfallen, hängt vor allem von der Dauer der Lieferstörungen, der Entwicklung der Nachfrage und der Verfügbarkeit alternativer Exportwege ab. Genau an diesem Punkt setzt die neue Vorsicht von JPMorgan an. Solange der Verlauf des Konflikts und die Folgen für zentrale Transportwege nicht zuverlässig abschätzbar sind, verzichtet die Bank auf ein einzelnes Basisszenario für den Ölpreis.

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