
Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Deutschland dürfte früher und deutlich stärker zurückgehen als bislang angenommen. Eine neue Vorausberechnung der Bildungsministerkonferenz zeigt, dass der bisher erwartete Anstieg bereits Ende dieses Jahrzehnts seinen Höhepunkt erreichen könnte. Danach machen sich die seit mehreren Jahren sinkenden Geburtenzahlen zunehmend in den Schulen bemerkbar. Für die Bildungsplanung bedeutet die neue Entwicklung eine erhebliche Veränderung, denn noch vor einem Jahr war für die 2030er Jahre mit wesentlich höheren Schülerzahlen gerechnet worden.
Nach der am Freitag veröffentlichten Modellrechnung steigt die Zahl der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen zunächst noch an. Für 2025 werden rund 11,27 Millionen Schülerinnen und Schüler zugrunde gelegt. Bis 2029 soll ihre Zahl auf etwa 11,54 Millionen wachsen. Das wären rund 270.000 mehr als 2025.
Anschließend dreht sich die Entwicklung. Für 2040 rechnet die Bildungsministerkonferenz nur noch mit rund 10,58 Millionen Schülerinnen und Schülern. Gegenüber 2025 entspräche das einem Rückgang um etwa 694.000 oder 6,2 Prozent.
Bemerkenswert ist vor allem der Vergleich mit der erst im vergangenen Jahr veröffentlichten Berechnung. Damals wurde der Höchststand noch für 2032 erwartet. Die Schülerzahl sollte zunächst auf knapp 11,8 Millionen steigen und selbst 2040 noch bei rund 11,3 Millionen liegen. In der neuen Vorausberechnung fällt der Wert für 2040 rund 677.000 niedriger aus.
Damit hat sich der langfristige Ausblick innerhalb kurzer Zeit erheblich verändert. Ursache dafür ist vor allem, dass der Geburtenrückgang inzwischen stärker in den Bevölkerungsvorausberechnungen der Länder berücksichtigt wird.
Die Zahl der Geburten ist in Deutschland seit mehreren Jahren rückläufig. Im Jahr 2025 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 654.241 Kinder geboren. Die Zahl lag damit 3,4 Prozent unter dem Wert von 2024 und auf dem niedrigsten Stand seit 1946. Auch Anfang 2026 setzte sich die Entwicklung fort. Von Januar bis April wurden vorläufig rund 204.400 Geburten registriert, 2,5 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Solche Veränderungen erreichen das Schulsystem mit Verzögerung. Zunächst sind Kindertagesstätten und Grundschulen betroffen, einige Jahre später die weiterführenden Schulen und schließlich berufliche Schulen und Hochschulen.
Das zeigt sich bereits in der neuen Vorausberechnung. Für die Primarstufe wird bis 2040 ein Rückgang der Schülerzahl um 14,8 Prozent gegenüber 2025 erwartet. In der Sekundarstufe I steigen die Zahlen dagegen zunächst noch. Der Höchststand soll dort 2031 erreicht werden und 8,3 Prozent über dem Niveau von 2025 liegen. Danach setzt auch dort ein Rückgang ein. Für 2040 werden 6,3 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler als 2025 vorausberechnet.
In der Sekundarstufe II verschiebt sich die demografische Wende nochmals nach hinten. Dort wird der Höchststand erst 2035 erwartet. Auch die beruflichen Schulen dürften bis zur Mitte der 2030er Jahre zunächst noch wachsende Schülerzahlen verzeichnen.
Ein bundesweit gleichmäßiger Rückgang ist nicht zu erwarten. Besonders deutlich fällt die Entwicklung nach der Modellrechnung in den ostdeutschen Flächenländern aus. Dort könnte die Schülerzahl 2040 rund 21 Prozent niedriger liegen als 2025.
In den westdeutschen Flächenländern steigt die Zahl zunächst bis 2029 um 3,4 Prozent. Bis 2040 soll sie anschließend auf einen Wert sinken, der 3,6 Prozent unter dem Niveau von 2025 liegt. In den Stadtstaaten wird zunächst bis 2028 ein leichter Zuwachs erwartet. Für 2040 liegt die Vorausberechnung dort 5,3 Prozent unter dem Ausgangswert von 2025.
Damit unterscheiden sich nicht nur die langfristigen Entwicklungen erheblich. Auch der Zeitpunkt, zu dem einzelne Regionen, Schularten und Altersgruppen den Höchststand erreichen, fällt unterschiedlich aus.
Für die Bildungspolitik erschwert diese Entwicklung die langfristige Planung. In Regionen mit weiterhin steigenden Schülerzahlen werden in den kommenden Jahren zusätzliche Lehrkräfte und ausreichend Schulräume benötigt. Gleichzeitig können andernorts Grundschulen bereits mit deutlich kleineren Jahrgängen konfrontiert sein.
Ein bundesweiter Rückgang der Schülerzahlen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass kurzfristig weniger Lehrkräfte gebraucht werden. Der Bedarf hängt unter anderem von Bundesland, Schulform, Unterrichtsfach und Altersstruktur des vorhandenen Personals ab. Hinzu kommen politische Entscheidungen etwa über Klassengrößen, Ganztagsangebote und Förderprogramme.
Auch beim Schulbau gewinnt eine regional differenzierte Planung an Bedeutung. Gebäude, die heute wegen wachsender Jahrgänge erweitert werden, müssen über Jahrzehnte genutzt werden können. Sinkende Schülerzahlen können zugleich Möglichkeiten eröffnen, vorhandene Räume anders zu verwenden oder Schulen stärker für Ganztagsangebote und kleinere Lerngruppen auszulegen.
Die Bildungsministerkonferenz bezeichnet ihre Berechnung ausdrücklich als Status-quo-Modellrechnung. Sie schreibt gegenwärtige demografische Bedingungen sowie das derzeitige Wahl- und Übergangsverhalten im Bildungssystem fort. Vor allem für weiter entfernte Jahre können Veränderungen bei Geburten, Migration oder Bildungsentscheidungen die tatsächliche Entwicklung verschieben.
Für die kommenden Jahre ist die Datengrundlage vergleichsweise belastbar, weil viele der betroffenen Kinder bereits geboren sind oder sich schon im Bildungssystem befinden. Die neue Berechnung zeigt damit vor allem eines: Die demografische Wende erreicht Deutschlands Schulen deutlich früher als noch vor einem Jahr angenommen.






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