
Das West-Nil-Virus ist in Europa in der Mückensaison 2026 deutlich verbreitet. Bis zum 23. September wurden nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, kurz ECDC, insgesamt 1.569 lokal erworbene Infektionen bei Menschen aus 16 Ländern gemeldet. Auch Deutschland gehört zu den Staaten mit nachgewiesener Übertragung innerhalb des Landes. Das ECDC führt für Deutschland aktuell vier Fälle auf.
Die höchsten Fallzahlen verzeichnet Italien mit 696 Infektionen. Dahinter folgen Griechenland mit 355, Spanien mit 125, Frankreich mit 102 und Rumänien mit 91 Fällen. Weitere Infektionen wurden unter anderem aus Nordmazedonien, Serbien, den Niederlanden, Kroatien, Belgien und Österreich gemeldet. Insgesamt hat das ECDC in der laufenden Saison 186 Gebiete identifiziert, in denen mindestens eine lokal erworbene menschliche Infektion festgestellt wurde.
Der Schwerpunkt der gemeldeten Infektionen liegt 2026 erneut in Süd- und Südosteuropa. Allein Italien und Griechenland kommen zusammen auf mehr als 1.000 der bislang erfassten Fälle. Auch Spanien, Frankreich und Rumänien melden dreistellige Zahlen.
Als lokal erworben gelten Infektionen, bei denen sich die Betroffenen innerhalb des jeweiligen Meldelandes angesteckt haben. Reiseassoziierte Fälle, bei denen eine Infektion in einem anderen Land erfolgte, werden in dieser ECDC-Auswertung nicht mitgezählt. Die europäische Überwachung umfasst EU- und EWR-Staaten sowie ausgewählte Beitrittsländer und potenzielle Beitrittskandidaten.
Noch Mitte August hatte das ECDC 429 lokal erworbene Infektionen aus neun Ländern registriert. Seitdem sind die Fallzahlen während der Hauptübertragungszeit deutlich gestiegen. Das ECDC hatte bereits im August darauf hingewiesen, dass weitere Fälle zu erwarten seien, da die Übertragung üblicherweise im August und Anfang September besonders ausgeprägt ist.
Für Deutschland führt der aktuelle ECDC-Wochenbericht vier lokal erworbene menschliche Infektionen in drei betroffenen Gebieten auf. Damit bleibt die Zahl im europäischen Vergleich niedrig. Anfang September hatte das Friedrich-Loeffler-Institut noch von zwei bestätigten lokal erworbenen Fällen beim Menschen berichtet. Die Unterschiede erklären sich durch die unterschiedlichen Datenstände der Veröffentlichungen.
Das West-Nil-Virus ist in Deutschland allerdings kein grundsätzlich neues Phänomen. Seit 2018 wird der Erreger bei Vögeln und Pferden nachgewiesen. Im Spätsommer 2019 wurden erstmals durch Mücken übertragene menschliche Infektionen bekannt, die in Deutschland erworben worden waren. Seither wurden in den Sommer- und Herbstmonaten wiederholt autochthone Fälle registriert. Betroffen waren bislang vor allem Gebiete in Ostdeutschland.
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat sich das Virus in Teilen Ost- und Mitteldeutschlands endemisch etabliert. Das bedeutet, dass der Erreger regional überwintern und in geeigneten Sommern erneut zwischen Vögeln und Mücken zirkulieren kann. Eine weitere geografische Ausbreitung ist nach Einschätzung des RKI möglich.
Das West-Nil-Virus wird hauptsächlich durch Stechmücken der Gattung Culex übertragen. Diese Mücken kommen auch in Deutschland weit verbreitet vor. Der natürliche Übertragungszyklus verläuft zwischen Vögeln und Stechmücken. Menschen und Pferde können ebenfalls infiziert werden, spielen für die weitere Ausbreitung des Virus aber in der Regel keine wesentliche Rolle.
Die meisten Infektionen bleiben unbemerkt. Nach Angaben des RKI verlaufen etwa 80 Prozent ohne Symptome. Rund 20 Prozent der Infizierten entwickeln meist mildere Beschwerden wie Fieber. Bei ungefähr einem Prozent kann es zu schweren sogenannten neuroinvasiven Verläufen kommen, darunter Hirnhautentzündungen oder Entzündungen des Gehirns. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem.
In Deutschland wurden West-Nil-Erkrankungen bislang vor allem zwischen dem Hochsommer und dem frühen Herbst beobachtet. Erkrankungsbeginne lagen nach RKI-Angaben meist zwischen Mitte Juli und Anfang Oktober. Die eigentliche Infektion dürfte jeweils einige Tage zuvor erfolgt sein.
Für die Ausbreitung spielen die Temperaturen eine wichtige Rolle. Wärme begünstigt sowohl die Aktivität der Mücken als auch die Vermehrung des Virus im Insekt. Das RKI weist darauf hin, dass steigende Temperaturen eine längere Mückensaison und damit eine intensivere Viruszirkulation ermöglichen können.
Das ECDC sieht die zunehmende Verbreitung mückenübertragener Erkrankungen deshalb als Herausforderung für den Gesundheitsschutz in Europa. Neben der Überwachung menschlicher Infektionen spielen dabei auch die Kontrolle von Mückenpopulationen und die Beobachtung von Infektionen bei Vögeln und Pferden eine Rolle.
Für den persönlichen Schutz empfiehlt das ECDC vor allem Maßnahmen gegen Mückenstiche. Dazu gehören geeignete Repellentien, möglichst körperbedeckende Kleidung sowie Moskitonetze oder Fliegengitter. Eine spezifische antivirale Behandlung gegen eine West-Nil-Virus-Infektion gibt es nicht, die medizinische Versorgung richtet sich nach den auftretenden Beschwerden.






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