
Die Europäische Zentralbank entscheidet am Donnerstag, 23. Juli 2026, über die Leitzinsen im Euroraum. An den Finanzmärkten wird überwiegend damit gerechnet, dass die Notenbank den Einlagensatz nach der Erhöhung im Juni zunächst bei 2,25 Prozent belässt. Fest steht der Beschluss jedoch noch nicht. Für Sparer, Kreditnehmer und Immobilienkäufer dürfte deshalb auch entscheidend sein, welche Signale EZB-Präsidentin Christine Lagarde für die Sitzung im September gibt.
Der EZB-Rat berät am Mittwoch und Donnerstag in Frankfurt über die Geldpolitik. Die Entscheidung soll nach dem Terminplan der Zentralbank am Donnerstag um 14.15 Uhr veröffentlicht werden. Die Pressekonferenz mit den Erläuterungen beginnt um 14.45 Uhr.
Bei der vorherigen Sitzung am 11. Juni hatte der EZB-Rat alle drei Leitzinsen um jeweils 0,25 Prozentpunkte angehoben. Seit dem 17. Juni beträgt der Einlagensatz 2,25 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Die EZB betonte damals, dass sie sich nicht auf einen bestimmten weiteren Zinspfad festlege. Künftige Entscheidungen sollen von den neuen Wirtschafts- und Inflationsdaten abhängen.
Eine Reuters-Umfrage unter 74 Ökonomen, die zwischen dem 13. und 16. Juli durchgeführt wurde, ergab eine einheitliche Erwartung für den Donnerstag: Alle Befragten rechneten mit einem unveränderten Einlagensatz von 2,25 Prozent. 52 der 74 Ökonomen erwarteten zugleich mindestens eine weitere Erhöhung im laufenden Jahr, wahrscheinlich im September. Knapp 30 Prozent gingen dagegen davon aus, dass die Zinsen bis zum Jahresende unverändert bleiben. Dabei handelt es sich ausschließlich um Erwartungen, die sich durch neue Konjunkturdaten oder geopolitische Entwicklungen ändern können.
Der wichtigste Leitzins ist derzeit der Einlagensatz. Er legt fest, welche Verzinsung Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld über Nacht bei der Zentralbank hinterlegen. Über diesen Satz steuert die EZB insbesondere die kurzfristigen Geldmarktzinsen.
Der Hauptrefinanzierungssatz bestimmt, zu welchen Kosten sich Banken bei regulären, in der Regel einwöchigen Geschäften Geld von der EZB leihen können. Dafür müssen sie Sicherheiten hinterlegen. Der Spitzenrefinanzierungssatz gilt für Übernachtkredite, die Banken kurzfristig bei der Zentralbank aufnehmen. Er liegt deshalb über dem Hauptrefinanzierungssatz.
Diese Zinssätze sind keine direkten Vorgaben für Tagesgeld, Ratenkredite oder Baufinanzierungen. Sie beeinflussen jedoch die Finanzierungskosten der Banken und die Renditen am Geld- und Kapitalmarkt. Banken entscheiden anschließend selbst, in welchem Umfang und mit welcher Verzögerung sie Veränderungen an ihre Kunden weitergeben. Dabei spielen auch Wettbewerb, Refinanzierungsstruktur, Laufzeit und Kreditrisiko eine Rolle.
Bei täglich verfügbaren Einlagen wie Girokonten oder Tagesgeld orientieren sich Banken vor allem an den kurzfristigen Marktzinsen. Bleibt der Einlagensatz bei 2,25 Prozent, entsteht durch den aktuellen Beschluss zunächst kein zusätzlicher geldpolitischer Impuls für höhere oder niedrigere Sparzinsen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Angebote unverändert bleiben. Banken können ihre Konditionen unabhängig von der EZB-Sitzung anpassen. Die Entwicklung hängt unter anderem davon ab, wie viel Kundengeld ein Institut benötigt und wie intensiv der Wettbewerb um Einlagen ist.
Nach den jüngsten verfügbaren EZB-Daten für Mai 2026 wurden täglich verfügbare Einlagen privater Haushalte im Euroraum durchschnittlich mit 0,27 Prozent verzinst. Neue Einlagen mit vereinbarter Laufzeit erreichten im Durchschnitt 1,96 Prozent. Bei Laufzeiten von bis zu einem Jahr lag der durchschnittliche Zins bei 1,91 Prozent. Die Werte sind Durchschnittszahlen für den gesamten Euroraum. Einzelne Bankangebote können deutlich davon abweichen.
Festgeldzinsen hängen nicht nur vom aktuellen Leitzins ab. Entscheidend ist auch, welches Zinsniveau Banken während der gesamten vereinbarten Laufzeit erwarten. Verschieben sich die Erwartungen für September oder die folgenden Monate, können sich Festgeldkonditionen daher bewegen, obwohl die EZB am Donnerstag möglicherweise keine Änderung beschließt.
Kurzfristige und variabel verzinste Kredite reagieren normalerweise stärker auf Veränderungen der Geldmarktzinsen als Verträge mit langfristig festgeschriebenem Zinssatz. Eine Zinspause würde den unmittelbaren Aufwärtsdruck auf solche Finanzierungskosten zunächst begrenzen. Ob einzelne Banken ihre Konditionen verändern, hängt dennoch von weiteren Faktoren wie Bonität, Laufzeit, Sicherheiten und geschäftspolitischen Entscheidungen ab.
Bei Baufinanzierungen ist der Zusammenhang mit dem EZB-Einlagensatz weniger direkt. Langfristige Immobilienzinsen orientieren sich stärker an den Renditen langfristiger Anleihen und an den Zinserwartungen für die kommenden Jahre. Auch Risikoaufschläge, Eigenkapitalanforderungen der Banken, Beleihungsauslauf und Dauer der Zinsbindung fließen in die Berechnung ein.
Im Mai 2026 lag der zusammengefasste Zinssatz für neue Wohnungsbaukredite im Euroraum nach Angaben der EZB bei 3,48 Prozent. Kredite mit einer Zinsbindung von mehr als zehn Jahren wurden im Durchschnitt mit 3,32 Prozent verzinst. Bei einer Bindung von mehr als fünf und höchstens zehn Jahren waren es 3,65 Prozent.
Ein unveränderter Leitzins bedeutet deshalb nicht automatisch unveränderte Bauzinsen. Äußert sich die EZB deutlich besorgter über die Inflation oder hält sie eine weitere Straffung im September für möglich, könnten sich die langfristigen Marktzinsen bereits vor der nächsten Sitzung verändern. Umgekehrt könnten schwache Konjunkturdaten die Zinserwartungen dämpfen.
Die endgültigen Eurostat-Daten vom 17. Juli zeigen, dass die Inflationsrate im Euroraum im Juni auf 2,8 Prozent gesunken ist. Im Mai hatte sie noch 3,2 Prozent betragen. Damit liegt die Teuerung weiterhin über dem mittelfristigen Ziel der EZB von 2 Prozent. Die Energiepreise lagen im Juni 8,5 Prozent über dem Vorjahresniveau, während Dienstleistungen 3,2 Prozent teurer waren.
Der erneut gestiegene Ölpreis erhöht die Unsicherheit. Brent-Rohöl kostete am Montag, 20. Juli, zeitweise mehr als 90 US-Dollar je Barrel. Hintergrund waren die verschärfte Lage im Nahen Osten und Sorgen über den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus.
Höhere Rohölpreise können Kraftstoffe und Heizenergie verteuern. Zusätzlich steigen möglicherweise die Kosten für Transporte, Produktion, Kunststoffe und andere energieintensive Güter. Unternehmen können einen Teil dieser Belastungen mit Verzögerung an ihre Kunden weitergeben. Hält der Preisdruck länger an, besteht zudem das Risiko sogenannter Zweitrundeneffekte. Damit sind beispielsweise höhere Lohnforderungen und weitere Preisanpassungen als Reaktion auf die zuvor gestiegene Inflation gemeint.
Gleichzeitig kann teure Energie das Wirtschaftswachstum bremsen, weil Haushalten weniger Kaufkraft für andere Ausgaben bleibt und Unternehmen höhere Kosten tragen. Die EZB muss deshalb zwischen erhöhtem Inflationsdruck und einer möglicherweise schwächeren Konjunktur abwägen.
Die im Juni veröffentlichten Projektionen des Eurosystems gingen für 2026 von einer durchschnittlichen Inflation von 3,0 Prozent aus. Für 2027 wurden 2,3 Prozent und für 2028 wieder 2,0 Prozent erwartet. Die EZB hatte ihre Prognosen gegenüber März wegen der höheren Energiepreise angehoben. Die Projektion sah außerdem eine Inflationsrate von 3,4 Prozent im dritten Quartal 2026 vor.
Die jüngste Bewegung des Ölpreises erhöht die Unsicherheit dieser Annahmen. Am Montag waren die Finanzmärkte laut Reuters nahezu vollständig auf eine weitere Zinserhöhung im September eingestellt. Auch diese Marktbewertung ist keine sichere Vorhersage. Sie kann sich jederzeit verändern, etwa bei fallenden Energiepreisen, schwächeren Wirtschaftsdaten oder neuen Inflationszahlen.
Für Verbraucher dürfte am Donnerstag deshalb nicht nur der aktuelle Zinssatz wichtig sein. Große Bedeutung haben die Einschätzung der Inflationsrisiken, mögliche Hinweise auf die September-Sitzung und die Frage, wie stark die EZB auf einen länger anhaltenden Energiepreisschub reagieren würde. Eine verbindliche Vorentscheidung für September ist dennoch nicht zu erwarten, da die Notenbank ihre Beschlüsse ausdrücklich von Sitzung zu Sitzung anhand der jeweils verfügbaren Daten trifft.
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