Fast sechs Meter Eis verschwinden im Herzen des Aletschgletschers

Das Bild zeigt eine Lupe, die etwas sucht und symbolisiert eine Internetsuche
Symbolbild mit KI erstellt

Teilen:

Am Konkordiaplatz im Zentrum des Großen Aletschgletschers ist im Sommer 2026 an einem Messpunkt eine Eisschicht von fast sechs Metern verschwunden. Der Wert stammt aus einer aktuellen Feldmessung des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS, die dessen Leiter Matthias Huss öffentlich gemacht hat. Huss schrieb, die Größenordnung sei selbst für Glaziologen schwer zu fassen. Wichtig ist die Einordnung: Die fast sechs Meter beziehen sich auf einen einzelnen Messpunkt und sind noch keine flächengemittelte Jahresbilanz des gesamten Gletschers. Eine abschließende schweizweite Bilanz für das Gletscherjahr 2026 lag am 20. September noch nicht vor.

Die Eisschmelze am Aletschgletscher erreicht damit erneut eine Größenordnung, die vor wenigen Jahrzehnten ungewöhnlich gewesen wäre. Ein neuer absoluter Rekord am Konkordiaplatz ist mit der aktuellen Angabe allerdings nicht belegt. Im Extremjahr 2022 gingen dort ebenfalls rund sechs Meter Eis verloren, 2023 waren es 4,7 Meter und 2024 rund vier Meter. Der diesjährige Wert liegt damit wieder nahe am Niveau von 2022. Der Konkordiaplatz liegt im zentralen Bereich des größten Gletschers der Alpen, wo mehrere Firnströme zusammenfließen. Gerade deshalb gilt der Ort als besonders aussagekräftiger Langzeitmesspunkt.

Warum 2026 für die Gletscher besonders ungünstig war

Die Voraussetzungen für eine starke Schmelzsaison waren bereits im Frühjahr schlecht. GLAMOS stellte Ende April 2026 auf den Schweizer Gletschern im landesweiten Mittel rund 25 Prozent weniger Winterschnee fest als im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2020. Am Großen Aletschgletscher lag die Winterbilanz nahe den niedrigsten Werten seit dem Jahr 2000. Schnee ist für Gletscher doppelt wichtig: Er liefert Masse und schützt das dunklere Eis darunter vor direkter Sonneneinstrahlung.

Ende Juni war dieser Schutz in der Bilanz der Schweizer Gletscher ungewöhnlich früh aufgebraucht. Forschende der ETH Zürich bezeichneten den 29. Juni als Gletscherschwundtag. Von diesem Zeitpunkt an führte die weitere Schmelze im schweizweiten Mittel direkt zu einem Nettoverlust an Gletschereis. Nur 2022 wurde dieser Punkt noch früher erreicht, am 26. Juni. Danach folgte ein außergewöhnlich warmer Sommer. MeteoSchweiz stufte den Sommer 2026 als wärmsten in der Schweiz seit Messbeginn 1864 ein. Die landesweite Mitteltemperatur von Juni bis August lag bei 17,2 Grad Celsius und damit 3,4 Grad über der Referenzperiode 1991 bis 2020.

Wie die fast sechs Meter gemessen werden

Die Messung am Konkordiaplatz ist Teil eines langfristigen Beobachtungsprogramms. Bei der direkten Massenbilanzmessung werden Stangen aus Aluminium oder Kunststoff in das Eis gebohrt. An ihnen lässt sich bestimmen, wie viel Schnee oder Eis an einem bestimmten Punkt zwischen zwei Messungen verloren gegangen oder hinzugekommen ist. Weil sich Gletschereis bewegt, werden die Pegel bei den jährlichen Kontrollmessungen wieder an ihre ursprüngliche Position gesetzt.

Eine einzelne Stange beschreibt jedoch nicht den gesamten Gletscher. GLAMOS kombiniert mehrere Punktmessungen mit Angaben zur Schneehöhe, Schneedichte, Höhenlage und räumlichen Verteilung. Im Winter werden auf ausgewählten Gletschern oft Dutzende bis Hunderte Schneetiefenmessungen vorgenommen. Daraus berechnen die Forschenden eine flächengemittelte Massenbilanz, meist in Metern Wasseräquivalent. Zusätzlich werden Luftbilder und digitale Höhenmodelle eingesetzt, um Volumenänderungen über längere Zeiträume zu bestimmen. Die fast sechs Meter am Konkordiaplatz sind deshalb ein sehr anschauliches Signal, aber nicht gleichbedeutend mit einem Verlust von sechs Metern über die gesamte Fläche des Aletschgletschers.

Schweizer Gletscher haben seit 2000 massiv an Eis verloren

Der aktuelle Befund fügt sich in einen langfristigen Rückgang ein. Nach den Auswertungen von GLAMOS waren Ende 2025 in der Schweiz noch rund 45,1 Kubikkilometer Gletschereis vorhanden. Das waren etwa 30 Kubikkilometer weniger als im Jahr 2000. Auch die vergletscherte Fläche war gegenüber 2000 um rund 30 Prozent kleiner. Besonders auffällig ist die Beschleunigung: In den zehn Jahren von 2015 bis 2025 ging etwa ein Viertel des damals vorhandenen Schweizer Eisvolumens verloren.

Der Große Aletschgletscher ist wegen seiner Größe widerstandsfähiger als viele kleine Alpengletscher, aber auch er reagiert auf die anhaltende Erwärmung. Langfristige Messreihen zeigen einen deutlichen Rückzug seiner Zunge und wiederholte starke Dickenverluste im zentralen Bereich. Die UNESCO führt die Region Jungfrau Aletsch auch deshalb als besonders wichtiges Gebiet für die Beobachtung glazialer Prozesse und des Klimawandels.

Folgen reichen weit über das Landschaftsbild hinaus

Schmelzende Gletscher liefern zunächst zusätzliches Wasser. In heißen und trockenen Sommern kann dieses Schmelzwasser Flüsse stützen und hohe Wassertemperaturen abmildern. Dieser Effekt hält jedoch nicht unbegrenzt an. Je kleiner die Eisfläche wird, desto weniger Wasser kann ein Gletscher selbst bei hohen Schmelzraten bereitstellen. Forschende von ETH Zürich und WSL zeigten für den Extremsommer 2022, dass in vielen untersuchten Einzugsgebieten trotz stärkerer Eisschmelze weniger Gletscherwasser abfloss als im Sommer 2003. Die schrumpfende Eisfläche beginnt damit, den zusätzlichen Schmelzeffekt teilweise zu überlagern.

Der Rückgang verändert außerdem Hochgebirgslandschaften, Wanderwege und Zugänge zu Hütten. Besonders sichtbar ist das an der Konkordiahütte. Als sie 1877 errichtet wurde, lag sie nach Angaben des Schweizer Alpen Clubs etwa 50 Meter über dem Gletscher. Heute liegt die Hütte knapp 300 Meter über dem Eis und ist über eine lange Metalltreppe erreichbar. Wo Eis verschwindet, werden zugleich Fels und Lockermaterial freigelegt. Der Gletscherschwund kann zusammen mit anderen Veränderungen im Hochgebirge die Stabilität von Hängen beeinflussen und das Naturgefahrenmanagement vor neue Aufgaben stellen.

Wie stark der Aletschgletscher bis zum Ende des Jahrhunderts schrumpft, hängt von der weiteren Erwärmung ab. Modellstudien unter Leitung der ETH Zürich zeigen für die Alpen große Unterschiede zwischen verschiedenen Temperaturszenarien. Bei einer globalen Erwärmung von 2,7 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit würden den Berechnungen zufolge bis 2100 nur noch rund 110 Gletscher in Mitteleuropa bestehen. In einem Szenario mit vier Grad Erwärmung wären es etwa 20, und der Aletschgletscher würde in mehrere kleinere Eiskörper zerfallen. Das sind Projektionen, keine Vorhersagen für ein feststehendes Ergebnis. Die Messung vom Konkordiaplatz zeigt jedoch, wie schnell sich der Ausgangszustand bereits verändert.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu