Tilcayo aus Bolivien ist eine eigene Katzenart

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In den Bergwäldern Boliviens lebt eine Wildkatze, die den Menschen der Region schon lange bekannt ist, von der Wissenschaft aber bislang nicht als eigenständige Art erkannt wurde. Ein internationales Forschungsteam hat das Tier nun als Leopardus tilcayo beschrieben. Die neue Katzenart Tilcayo gehört zur südamerikanischen Gattung Leopardus und kommt nach dem bisherigen Kenntnisstand in den Yungas an den östlichen Hängen der bolivianischen Anden vor.

Die formale Artbeschreibung stammt von Paola Nogales-Ascarrunz, Enzo Aliaga-Rossel, Jonas Lescroart und Eduardo Eizirik. Sie ist Teil einer größeren Untersuchung zur Evolution der sogenannten Tigerkatzen Südamerikas. Die Studie erschien am 17. September 2026 im Fachjournal Current Biology. Das internationale Team analysierte vollständige Genome von insgesamt 38 Katzen aus verschiedenen Teilen Südamerikas. Acht der untersuchten Genome stammten von historischen Museumsexemplaren.

Tilcayo lebt in den bolivianischen Yungas

Die Art ist bislang aus der bolivianischen Yungas-Region bekannt. Dabei handelt es sich um feuchte Berg- und Nebelwälder an der Ostseite der Anden. Das wissenschaftliche Referenzexemplar, der sogenannte Holotyp, ist ein erwachsenes Männchen aus dem Departamento La Paz. Das Tier wurde im September 2021 in der Provinz Nor Yungas nahe dem Ort Arapata auf rund 1.570 Metern Höhe erfasst.

Wie groß das gesamte Verbreitungsgebiet von Leopardus tilcayo tatsächlich ist, ist noch nicht geklärt. Die bisher bekannten Tiere und Aufnahmen reichen nicht aus, um eine belastbare Grenze des Vorkommens zu bestimmen. Auch über Populationsgröße, Fortpflanzung und Lebensraumnutzung liegen bislang nur begrenzte Informationen vor.

Eines der untersuchten Tiere lebt heute im Wildtierzentrum Senda Verde in den Yungas. Der Kater war ursprünglich als Jungtier von einem Einwohner aufgenommen worden, weil er zunächst für eine ungewöhnliche Hauskatze gehalten wurde. Später kam er in die Auffangstation. Seine besonderen Merkmale gehörten zu den Ausgangspunkten für weitere Untersuchungen.

Genomanalyse trennt Tilcayo von verwandten Katzen

Entscheidend für die Einordnung als eigene Art waren umfangreiche genetische Vergleiche. Die Untersuchung ergab, dass die südamerikanischen Tigerkatzen nicht einer einzigen weit verbreiteten Art zuzurechnen sind. Stattdessen unterscheiden die Forscher fünf genetisch eigenständige Arten. Zusätzlich wurde aus den peruanischen Yungas eine neue Unterart mit dem Namen Leopardus tigrinus antisuyo beschrieben.

Die Abstammungslinie von Leopardus tilcayo trennte sich den Berechnungen zufolge vor etwa 1,4 Millionen Jahren von anderen Tigerkatzenlinien. Die genomischen Unterschiede sind so ausgeprägt, dass das Forschungsteam die bolivianische Population als eigenständige Art klassifiziert.

Auch äußerlich gibt es Unterschiede zu verwandten Katzen, obwohl die Arten insgesamt sehr ähnlich aussehen. Tilcayos besitzen ein vergleichsweise hellbraunes Fell mit großen, unregelmäßigen und teilweise offenen Rosetten. Gegenüber Leopardus pardinoides weist die neue Art unter anderem kürzeres Fell, weniger kontrastreiche Zeichnungen, größere unregelmäßige Rosetten und einen weniger buschigen Schwanz auf. Breite, vollständig umlaufende Schwanzringe fehlen.

Von Leopardus tigrinus unterscheidet sich Tilcayo unter anderem durch größere und unregelmäßigere Zeichnungen an den Körperseiten sowie einen längeren und kräftigeren Schwanz mit unregelmäßigen Flecken. Gegenüber Leopardus guttulus fallen ebenfalls größere und uneinheitlichere Fellzeichnungen sowie ein relativ längerer Schwanz auf.

Kleine Wildkatze mit auffälligen Rosetten

Die untersuchten Tiere zeigen die für kleine Leopardus-Arten typische schlanke Gestalt. Für bekannte Exemplare wurden Körperlängen von etwa 42,5 bis 50,5 Zentimetern sowie Schwanzlängen von ungefähr 25 bis 26,5 Zentimetern angegeben. Ein untersuchter erwachsener Kater wog rund 1,4 Kilogramm und war damit leichter als viele Hauskatzen.

Über die Lebensweise gibt es bislang nur erste Hinweise. Kotproben enthielten Reste kleiner Nagetiere, die damit offenbar zum Nahrungsspektrum gehören können. Aufnahmen aus Kamerafallen deuten darauf hin, dass die Tiere zumindest teilweise nachts aktiv sind. Für eine umfassende Beschreibung von Verhalten, Ernährung und Fortpflanzung reichen die bisherigen Beobachtungen noch nicht aus.

Eigener Schutzstatus muss noch bewertet werden

Für Leopardus tilcayo lag zunächst noch keine eigenständige Einstufung auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN vor. Die bisherige Bewertung beruhte auf einer gröberen taxonomischen Einteilung der Tigerkatzen. Die IUCN führte dabei zwei entsprechende Arten als gefährdet und mit rückläufigen Beständen. Durch die Aufteilung in fünf Arten muss das Risiko für die einzelnen Linien neu beurteilt werden.

Die Forscher haben die neuen taxonomischen Ergebnisse an die IUCN weitergegeben. Ob Leopardus tilcayo künftig als gefährdet, stark gefährdet oder in einer anderen Kategorie geführt wird, hängt von einer gesonderten Bewertung ab. Dafür fehlen derzeit insbesondere verlässliche Daten über die Zahl der Tiere und die tatsächliche Größe ihres Verbreitungsgebiets.

Fest steht, dass die Yungas unter erheblichem Nutzungsdruck stehen. Zu den Belastungen zählen die Abholzung und Zerschneidung von Wäldern, die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen, vom Menschen verursachte Brände und Bergbau. Hinzu kommen mögliche Konflikte mit Menschen, wenn kleine Wildkatzen Geflügel erbeuten, sowie Risiken durch Krankheiten, die von Haustieren übertragen werden können.

Lokaler Name wird zum wissenschaftlichen Artnamen

Der Name Tilcayo wurde nicht neu erfunden. Bewohner der bolivianischen Yungas verwenden diese Bezeichnung bereits für die kleine Wildkatze. Die Wissenschaftler übernahmen den regionalen Namen für die formale Benennung und schlugen Tilcayo zugleich als englischen Trivialnamen vor.

Die Neubeschreibung verändert damit nicht nur die Systematik südamerikanischer Katzen. Sie zeigt auch, dass selbst bei vergleichsweise bekannten Säugetiergruppen genetisch eigenständige Arten lange unerkannt bleiben können. Für den Tilcayo beginnt mit der wissenschaftlichen Einordnung nun vor allem die genauere Untersuchung seiner Verbreitung, seiner Bestandsgröße und der Gefahren für seinen Lebensraum.

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