
Der italienische Journalist Gabriele Nunziati geht nach der Beendigung seiner Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Agenzia Nova juristisch gegen die Entscheidung vor. Der Fall hatte bereits im Herbst 2025 international Aufmerksamkeit ausgelöst. Nunziati war als Korrespondent in Brüssel tätig und hatte bei einem Pressetermin der EU-Kommission eine Frage zur Verantwortung Israels für den Wiederaufbau im Gazastreifen gestellt.
Die Trennung von der Agentur erfolgte wenige Wochen nach dieser Frage. Agenzia Nova begründete die Entscheidung öffentlich damit, die Frage sei aus ihrer Sicht sachlich und technisch falsch gewesen. Journalistenverbände kritisierten die Entscheidung scharf und verwiesen auf die Aufgabe von Pressevertretern, auch unbequeme Fragen an politische Institutionen zu stellen.
Der Auslöser des Falls war ein Pressetermin der EU-Kommission in Brüssel am 13. Oktober 2025. Nunziati fragte sinngemäß, ob Israel nach Auffassung der EU für den Wiederaufbau des Gazastreifens zahlen solle, wenn die EU zugleich wiederholt fordere, Russland müsse für den Wiederaufbau der Ukraine aufkommen. Die Frage richtete sich an die Sprecherin der EU-Kommission, Paula Pinho.
Pinho antwortete damals nicht inhaltlich. Sie bezeichnete die Frage als interessant, wollte dazu aber zu diesem Zeitpunkt keinen Kommentar abgeben. Die Szene wurde anschließend in sozialen Netzwerken und von Medien aufgegriffen. Wenige Wochen später erhielt Nunziati die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit mit Agenzia Nova beendet werde.
Agenzia Nova wies die Darstellung zurück, wonach es sich lediglich um eine unbequeme Frage gehandelt habe. Die Agentur erklärte, die Frage sei technisch falsch und außerhalb des angemessenen Rahmens gewesen. Sie verwies dabei auf unterschiedliche rechtliche und politische Ausgangslagen in den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen.
Nach Darstellung der Agentur habe die Frage außerdem für Irritationen gesorgt, weil das Video später von Kanälen verbreitet worden sei, die die Agentur als problematisch einordnete. Eine unabhängige Bestätigung dafür, dass die Verbreitung des Videos tatsächlich ausschlaggebend für die Beendigung der Zusammenarbeit war, lag zunächst nicht vor. Offiziell bestätigt war zunächst nur, dass Agenzia Nova die Zusammenarbeit beendete und die Frage öffentlich als falsch bewertete.
Nunziati stellte den Vorgang anders dar. Er erklärte öffentlich, seine Frage sei journalistisch begründet gewesen. Sie habe auf einen politischen Vergleich gezielt, den die EU selbst durch ihre Forderungen gegenüber Russland nahelege. Nach seiner Darstellung folgten nach dem Pressetermin mehrere Gespräche mit Vorgesetzten, bevor die Zusammenarbeit beendet wurde.
Mit dem Gang vor Gericht rückt nun die Frage in den Mittelpunkt, ob die Beendigung der Zusammenarbeit rechtmäßig war. Dabei dürfte es auch um den arbeitsrechtlichen Status des Journalisten, den konkreten Vertrag und die Begründung der Agentur gehen. Die genauen rechtlichen Anträge und ein Termin für eine Verhandlung waren zunächst nicht gesichert bekannt.
Der Fall löste in Italien und auf europäischer Ebene deutliche Kritik aus. Der italienische Journalistenorden erklärte, ein Journalist könne nicht dafür bestraft werden, eine Frage gestellt zu haben. Auch die Internationale Journalisten-Föderation und die Europäische Journalisten-Föderation forderten die Wiedereinsetzung Nunziatis und bezeichneten die Entscheidung als Angriff auf grundlegende Prinzipien der Pressefreiheit.
Mehrere europäische Organisationen für Medienfreiheit wandten sich zudem mit einem offenen Schreiben an Agenzia Nova. Darin wurde die Beendigung der Zusammenarbeit als unverhältnismäßig kritisiert. Die Organisationen betonten, dass journalistische Fragen an politische Entscheidungsträger auch dann zulässig sein müssten, wenn sie unbequem seien oder politische Debatten auslösten.
Die EU-Kommission wies den Eindruck zurück, sie habe auf die Trennung hingewirkt. Nach Angaben aus Brüssel habe die Kommission Agenzia Nova in dieser Angelegenheit nicht kontaktiert. Fragen zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses seien an die Agentur zu richten.
Damit bleibt der Konflikt vor allem ein Streit zwischen Journalist und Arbeitgeber beziehungsweise Auftraggeber. Zugleich berührt der Fall aber ein größeres Thema: Wie frei können Korrespondenten in Brüssel gegenüber EU-Institutionen auftreten, wenn kritische Fragen zu außenpolitisch sensiblen Themen berufliche Folgen haben können?
Der Fall Nunziati steht in einer angespannten internationalen Debatte über Berichterstattung zum Krieg in Gaza. Journalisten, Redaktionen und Medienorganisationen ringen seit Monaten mit Sprache, Einordnung und politischem Druck. Gerade deshalb ist der Umgang mit kritischen Fragen von besonderer Bedeutung.
Das Gericht wird nun nicht über die politische Bewertung des Gaza-Krieges entscheiden, sondern über die Rechtmäßigkeit der Trennung zwischen Nunziati und Agenzia Nova.
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