
Im Jahr 2024 hat die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) 382 illegale Sportwetten-Websites gezählt. Dem gegenüber standen 34 Angebote mit Erlaubnis. Elf zu eins zugunsten des Schwarzmarkts. Ab Mai 2026 werden Internetprovider wie Telekom, Vodafone und 1&1 erstmals verpflichtet, den Zugang zu nicht lizenzierten Glücksspielseiten per DNS-Sperre zu blockieren: Die EU-Stillhaltefrist für die Novelle des Glücksspielstaatsvertrags ist abgelaufen, Brüssel hat keine Einwände erhoben. Damit fällt eines der letzten Hindernisse, das die Behörde seit Jahren ausgebremst hat.
Die GGL konnte bislang nur gegen Anbieter der Inhalte, also gegen die Betreiber illegaler Seiten selbst vorgehen. Das Bundesverwaltungsgericht stellte 2025 fest, dass für Sperranordnungen gegen Provider dort keine Rechtsgrundlage existiert. Die Reform ändert das: Provider können sich künftig nicht mehr auf ihre technische Neutralität berufen, auch Domain-Registrare werden als Adressaten von Sperranordnungen erfasst. Es bleibt ein Vorbehalt bestehen: Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt sein. Provider dürfen erst herangezogen werden, wenn andere Maßnahmen gescheitert sind.
Die Schweiz sperrt seit 2019 ausländische Glücksspielseiten per DNS. Auf der Liste der gesperrten Domains der interkantonalen Geldspielaufsicht stehen mittlerweile 2.300 Domains. Eine Recherche des Schweizer Rundfunks SRF hat im Juli 2025 dennoch ergeben, dass auch gesperrte Websites weiterhin zu erreichen und zu nutzen sind. Die Aufsicht aktualisiert ihre Liste nur alle drei Monate. Illegale Anbieter wechseln ihre Domains schneller, als irgendeine Behörde hinterherkommt.
Österreich geht einen anderen Weg: Das dortige Glücksspielgesetz ist von 1989 und steht vor einer Grundsatzreform, weil die Lizenzen für Lotterien und Online-Glücksspiel im September 2027 auslaufen. Seit November 2025 liegt ein Gesetzesentwurf vor, der erstmals die Errichtung einer unabhängigen Glücksspielbehörde vorsieht.
Streitpunkt ist, ob das bisherige Monopolsystem bestehen bleibt oder ein EU-konformes Lizenzsystem mit mehreren Anbietern kommt. SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer will das Monopol behalten. Die Österreichische Vereinigung für Wetten und Glücksspiel (ÖVWG) drängt hingegen auf die Öffnung des Marktes. Wer sich über den österreichischen Markt informieren möchte, findet bereits jetzt auf transparenten Vergleichsportalen eine gute Übersicht an seriösen Online-Casinos in Österreich, da dort lizenzierte Angebote systematisch geprüft und gelistet werden. In Deutschland gibt es keine vergleichbare Infoquelle, die GGL hat zwar eine Whitelist mit 32 lizenzierten Betreibern veröffentlicht, deren Aufbereitung richtet sich aber eher an Branchenkenner und ist nicht intuitiv für Gelegenheitsspieler.
Im März 2026 ist die GGL mit einer Studie des Blockchain Research Lab an die Öffentlichkeit getreten, wonach der Anteil des Schwarzmarkts am deutschen Online-Glücksspiel bei 22,97 Prozent liegt. Die geschätzten Bruttospielerträge nicht lizenzierter Anbieter lagen demnach 2024 bei 547 Millionen Euro. Das ist 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Kanalisierungsquote in den legalen Markt liegt laut GGL bei 77 Prozent.
GGL-Chef Ronald Benter bezeichnet die Ergebnisse als Bestätigung des faktenbasierten Regulierungsansatzes. Der Deutsche Online Casinoverband (DOCV) sieht das anders: Vizepräsident Simon Priglinger-Simader kritisierte die Methodik: Eine Befragung von 2.000 Personen sei keine repräsentative Stichprobe, die Menschen würden ungern zugeben, auf illegalen Plattformen gespielt zu haben. Branchennahe Erhebungen gehen von einem doppelt so hohen Schwarzmarktanteil aus. Wer hat Recht? Von außen schwer nachzuvollziehen. Beide Seiten haben aber ein Interesse daran, dass die Zahl stimmt, die ihre Position unterstützt.
Für die 32 lizenzierten Betreiber auf der GGL-Whitelist gelten strenge Auflagen: ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro über alle Anbieter hinweg, maximal ein Euro pro Spin, fünf Sekunden Zwangspause zwischen Spielrunden, kein Autoplay. Seit September 2023 lässt sich das Limit mit Bonitätsnachweis auf bis zu 10.000 Euro anheben. Gelegenheitsspieler merken von diesen Regeln wenig. Wer höhere Einsätze gewohnt ist, weicht auf ausländische Plattformen aus, die keiner deutschen Aufsicht unterliegen. Genau diese Abwanderung sollen die Netzsperren bremsen.
Ein DNS-Server übersetzt Webadressen in IP-Adressen. Steht eine Domain auf der Sperrliste der GGL, leitet der Provider die Anfrage auf eine Informationsseite der Behörde um, statt die gewünschte Seite aufzurufen. Die Umsetzung ist für Provider simpel. Sie pflegen die vorgegebenen Einträge auf ihren eigenen Servern und aktualisieren regelmäßig.
Genauso simpel ist die Umgehung. Ein VPN-Dienst genügt. Alternative DNS-Server wie die von Google oder Cloudflare sind frei zugänglich und in wenigen Sekunden eingerichtet. Blockchain-basierte Dienste entziehen sich der zentralen DNS-Kontrolle vollständig. Ein VPN-Verbot wäre unter EU-Recht kaum durchsetzbar, und aus datenschutzrechtlicher Sicht will es auch kaum jemand.
Politisch bleibt das Instrument umstritten. Vertreter von FDP, Linken und Grünen haben Bedenken geäußert, weil die geschaffene Infrastruktur theoretisch auf andere Inhalte ausgeweitet werden könnte. In der parlamentarischen Debatte fiel der Begriff „Zensur-Infrastruktur“ mehrfach. Befürworter entgegnen, die Sperren hätten zumindest eine Signalwirkung: Wer auf eine GGL-Hinweisseite umgeleitet wird, erkennt, dass das Angebot in Deutschland nicht zugelassen ist. Ob Signalwirkung genügt, um einen Markt mit 547 Millionen Euro Volumen zu schrumpfen, ist eine andere Frage.
Bis zum 31. Dezember 2026 muss der Evaluierungsbericht zum Glücksspielstaatsvertrag vorliegen. Drei wissenschaftliche Untersuchungen laufen parallel. Tobias Hayer von der Universität Bremen prüft die Wirksamkeit technischer Spielerschutzmaßnahmen wie OASIS und LUGAS. Die Berliner Agentur eye square untersucht, welchen Effekt Glücksspielwerbung im Fernsehen und Internet auf das Spielverhalten hat. Die Schwarzmarktstudie des Blockchain Research Lab ist bereits veröffentlicht und liefert die Datengrundlage für die politische Debatte um die Kanalisierung.
Der Glücksspielstaatsvertrag läuft bis 2028. Eine größere Reform könnte frühestens 2029 greifen. Die Netzsperren ab Mai sind damit ein Vorgriff auf schärferen Vollzug, während die eigentliche Frage noch offen ist: Schützt die deutsche Regulierung Spieler, oder treibt sie einen Teil von ihnen in einen komplett unkontrollierten Markt?
Sechs Jahre Netzsperren in der Schweiz haben diese Frage nicht beantwortet.
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