
Die deutsche Autoindustrie steht vor einem bundesweiten Protesttag. Für Montag, 21. September, hat die IG Metall Beschäftigte von Herstellern und Zulieferern zu Aktionen aufgerufen. Nach Angaben der Gewerkschaft sind mehr als 280 Veranstaltungen im Bereich von rund 100 IG Metall Geschäftsstellen geplant. Erwartet werden Zehntausende Beschäftigte. Gleichzeitig zeigen aktuelle Branchenzahlen, wie stark der wirtschaftliche Druck auf Hersteller, Zulieferer und ihre Belegschaften inzwischen geworden ist.
Der IG Metall Aktionstag fällt in eine Phase, in der Beschäftigung, Produktion und Exporte zurückgehen und deutsche Autokonzerne vor allem auf dem wichtigen chinesischen Markt Geschäft verlieren. Dabei entwickelt sich die Branche nicht überall gleich schwach. Der deutsche Neuwagenmarkt wächst 2026 bislang, und auch Elektroautos werden deutlich häufiger zugelassen. Von diesem Wachstum profitieren ausländische Hersteller jedoch teilweise stärker.
Die IG Metall stellt den Protesttag unter das Motto „Zukunft statt Kahlschlag“. Geplant sind unter anderem Kundgebungen, Aktionen in Betrieben und Veranstaltungen vor Werkstoren. Führende Gewerkschaftsvertreter wollen unter anderem bei Volkswagen in Wolfsburg und Hannover, bei Audi in Ingolstadt, Bosch in Salzgitter, Volkswagen und Zulieferern in Zwickau sowie Mercedes-Benz in Sindelfingen auftreten. Nicht sämtliche Veranstaltungen sind öffentlich zugänglich.
Die Gewerkschaft wendet sich gegen weiteren Stellenabbau und Verschlechterungen bei den Arbeitsbedingungen. Von den Unternehmen verlangt sie Investitionen in Produkte und deutsche Standorte sowie den Erhalt der 35-Stunden-Woche. An die Politik richtet sie unter anderem Forderungen nach niedrigeren Stromkosten, weniger Bürokratie, Unterstützung für Zulieferer und stärkerem Handelsschutz.
Die Ursachen der Probleme sind zwischen Arbeitnehmervertretern, Unternehmen und Branchenverband umstritten. Die IG Metall kritisiert unter anderem frühere Produktentscheidungen und aus ihrer Sicht zu geringe Investitionen in Zukunftstechnologien. Unternehmen und der Verband der Automobilindustrie verweisen dagegen unter anderem auf hohe Standortkosten, internationale Konkurrenz, regulatorische Belastungen und schwieriger werdende Bedingungen auf wichtigen Auslandsmärkten.
Wie stark der Beschäftigungsabbau bereits ist, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten rund 691.500 Menschen in der deutschen Automobilindustrie. Das waren 42.300 Beschäftigte oder 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Seit Beginn der verfügbaren Zeitreihe im Jahr 2005 war die Beschäftigtenzahl in der Branche nicht niedriger.
Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Zulieferern von Teilen und Zubehör aus. Dort sank die Beschäftigung binnen eines Jahres um 7,6 Prozent auf 219.500 Menschen. Bei den Herstellern von Kraftwagen und Motoren ging die Zahl um 6,1 Prozent auf 429.200 zurück.
Auch bereits beschlossene Umbauprogramme reichen weit in die kommenden Jahre. Volkswagen hatte sich mit der Arbeitnehmerseite auf einen sozialverträglichen Abbau von mehr als 35.000 Stellen an deutschen Standorten bis 2030 verständigt. Beim Zulieferer ZF sieht ein bereits 2024 vorgestelltes Programm vor, die Beschäftigtenzahl in Deutschland bis Ende 2028 um 11.000 bis 14.000 zu reduzieren.
Zusätzlichen Druck zeigen die Geschäftszahlen der Hersteller. Eine am Sonntag veröffentlichte Auswertung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY erfasst 19 große internationale Autokonzerne. Deren Umsatz stieg im ersten Halbjahr 2026 zusammen um 3,6 Prozent auf 1,048 Billionen Euro. Die drei untersuchten deutschen Konzerne Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz entwickelten sich dagegen schwächer. Ihr gemeinsamer Umsatz sank um 2,9 Prozent auf 284 Milliarden Euro.
Auch das operative Ergebnis der deutschen Hersteller ging zurück. Es sank nach der EY-Auswertung um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro. Die gemeinsame operative Marge verringerte sich von 5,5 auf 4,6 Prozent.
Besonders deutlich sind die Probleme in China. Dort verkauften die deutschen Konzerne im ersten Halbjahr 25 Prozent weniger Fahrzeuge als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil Chinas an ihrem weltweiten Absatz sank von 28,9 auf 23,5 Prozent. Bereits 2025 war der Marktanteil deutscher Hersteller am chinesischen Gesamtmarkt nach Angaben des VDA auf 16,2 Prozent gefallen, 2,7 Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor.
Der chinesische Markt ist für deutsche Hersteller besonders wichtig, gleichzeitig wächst dort die Bedeutung einheimischer Marken bei Elektrofahrzeugen. Im Gegenzug bauen chinesische Unternehmen ihre Präsenz in Europa aus. Nach der EY-Auswertung erhöhten die untersuchten chinesischen Hersteller ihren Absatz in Europa im ersten Halbjahr um 44 Prozent.
Der Konkurrenzdruck zeigt sich inzwischen ebenfalls auf dem Heimatmarkt. Im zweiten Quartal 2026 stieg die Zahl neu zugelassener Elektroautos deutscher Autokonzerne zwar deutlich. Mit einem Plus von 31 Prozent wuchsen sie jedoch langsamer als der gesamte deutsche Elektroautomarkt.
Nach einer EY-Auswertung auf Grundlage von Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes sank der gemeinsame Marktanteil deutscher Autokonzerne bei rein batterieelektrischen Autos im zweiten Quartal von 63,1 auf 53,9 Prozent. Ausländische Hersteller bauten ihren Anteil entsprechend aus.
Der Gesamtmarkt entwickelt sich zugleich besser als die Beschäftigungszahlen vermuten lassen. Von Januar bis August wurden in Deutschland knapp 1,97 Millionen neue Pkw zugelassen, fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zulassungen deutscher Marken einschließlich ihrer Konzernmarken stiegen allerdings nur um ein Prozent, während ausländische Marken um 13 Prozent zulegten.
Schwächer entwickelt sich die Fertigung in Deutschland. In den ersten acht Monaten 2026 wurden hier rund 2,65 Millionen Pkw produziert. Das waren vier Prozent weniger als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres und 16 Prozent weniger als 2019. Die Exporte aus deutschen Werken gingen seit Jahresbeginn um fünf Prozent auf rund zwei Millionen Fahrzeuge zurück.
Damit treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander. Auf dem deutschen Markt wächst die Nachfrage nach Elektroautos kräftig, während ausländische Anbieter Marktanteile gewinnen. In China verlieren deutsche Hersteller deutlich an Absatz. Gleichzeitig reduzieren Unternehmen ihre Kosten und Beschäftigtenzahlen und prüfen ihre Produktionsstrukturen.
Der Protesttag am Montag richtet den Blick deshalb nicht nur auf einzelne Sparprogramme. Er berührt die grundsätzliche Frage, wie viel Entwicklung und Produktion der international aufgestellten deutschen Autokonzerne künftig noch in Deutschland stattfinden wird. Die IG Metall will mit ihren Aktionen erreichen, dass Unternehmen stärker in heimische Werke und neue Technologien investieren. Die wirtschaftlichen Kennzahlen zeigen zugleich, warum der Konflikt über Kosten, Investitionen und Beschäftigung an Schärfe gewonnen hat.
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