Automobilindustrie 2026: VDA warnt vor 225.000 Jobverlusten bis 2035

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

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Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise: Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat seine Prognose für den Stellenabbau deutlich nach oben korrigiert. Bis zum Jahr 2035 sollen laut aktuellen Berechnungen rund 225.000 Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen – das sind 35.000 mehr als noch vor wenigen Monaten prognostiziert worden war. Besonders betroffen sind die Zulieferbetriebe, aber auch die großen Konzerne selbst streichen Stellen in erheblichem Umfang.

VDA-Warnung: 225.000 Jobs bis 2035 bedroht

VDA-Präsidentin Hildegard Müller spricht offen von einer gravierenden und anhaltenden Standortkrise in Deutschland und Europa. Als zentrale Ursachen nennt sie hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, überdurchschnittlich hohe Lohnkosten sowie eine ausufernde Bürokratie. Diese Faktoren machen es deutschen Herstellern und Zulieferern zunehmend schwer, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Seit 2019 sind in der Branche bereits rund 100.000 Arbeitsplätze weggefallen. Allein im vergangenen Jahr sollen laut Statistischem Bundesamt circa 50.000 Stellen verloren gegangen sein. Der Strukturwandel hin zur Elektromobilität beschleunigt diesen Prozess: Elektromotoren bestehen aus deutlich weniger Bauteilen als Verbrenner, was die Zulieferindustrie besonders hart trifft.

Opel und Stellantis: Massiver Kahlschlag in Rüsselsheim

Besonders konkret wird die Krise beim Opel-Mutterkonzern Stellantis. Im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim sollen rund 650 von aktuell 1.650 Ingenieurinnen und Ingenieuren ihre Arbeitsplätze verlieren – ein Abbau von rund 40 Prozent in der Entwicklungsabteilung. Stellantis investiert zwar parallel in den sogenannten Green Campus, ein neues Forschungs- und Designzentrum auf dem historischen Opel-Gelände, dennoch bleibt die Nettobilanz deutlich negativ.

Darüber hinaus laufen freiwillige Abfindungsprogramme: Bis zu 4.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen den Konzern verlassen, wobei Opel die Abfindungskonditionen zuletzt nochmals verbessert hat, um den Prozess zu beschleunigen. Mehr zur Situation bei Opel und Stellantis lesen Sie hier: Stellantis Opel: Stellenabbau trotz Rekordabsatz.

Branchenweites Problem: VW, Bosch, ZF und Schaeffler betroffen

Der Stellenabbau beschränkt sich längst nicht auf Opel. Auch bei Volkswagen, Mercedes-Benz, Ford, Audi, Bosch, ZF und Schaeffler laufen Gespräche über teils erhebliche Personalreduzierungen. Management und Gewerkschaften ringen um sozialverträgliche Lösungen, doch der Druck aus dem chinesischen Markt und durch EU-Emissionsvorgaben bleibt enorm.

Chinesische Hersteller wie BYD oder SAIC bieten Elektrofahrzeuge zu deutlich niedrigeren Preisen an und dringen immer aggressiver in den europäischen Markt vor. Gleichzeitig zwingt das EU-Verbrennerverbot ab 2035 die deutschen Hersteller zu einer beschleunigten Transformation – ein Prozess, der Jobs kostet, auch wenn er langfristig neue schaffen soll.

Technologieoffenheit als möglicher Ausweg

Der VDA sieht in einer technologieoffeneren Politik einen möglichen Ausweg aus der Beschäftigungsmisere. Würden neben reinen Elektroautos auch Plug-in-Hybride, Range Extender und Verbrenner mit erneuerbaren Kraftstoffen stärker gefördert, ließe sich der Jobverlust laut VDA-Berechnungen auf rund 75.000 Stellen bis 2035 begrenzen. Das würde bedeuten, dass rund 50.000 Arbeitsplätze am Standort Deutschland erhalten blieben.

Hildegard Müller fordert deshalb eine Überprüfung der EU-Regularien und mehr Flexibilität beim Umstieg auf emissionsfreie Antriebe. Ob die Politik diesen Forderungen folgen wird, ist derzeit offen. Die Bundesregierung hat sich bislang nicht auf eine verbindliche Aussage zur Technologieoffenheit festgelegt.

Einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen bei Stellantis bietet auch dieser Artikel: Stellantis Q1 2026: 377 Millionen Euro Gewinn nach Vorjahresverlust. Und die Pläne für ein neues Elektromodell: Opel plant Elektro-SUV mit Leapmotor-Technik – Produktion ab 2028.

Fazit: Strukturwandel mit harten sozialen Folgen

Die deutsche Automobilindustrie steht vor dem größten Strukturwandel ihrer Geschichte. Die Zahlen des VDA sind ein deutliches Signal: Der Übergang zur Elektromobilität ist unausweichlich, aber er hat seinen Preis. Hunderttausende Beschäftigte in Fertigungs- und Zulieferbetrieben spüren diesen Wandel bereits – und die Talsohle dürfte nach Einschätzung von Branchenexperten noch nicht erreicht sein.

Entscheidend wird sein, wie schnell Unternehmen und Politik Umschulungsprogramme etablieren, neue Technologiefelder erschließen und die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland verbessern. Nur so kann verhindert werden, dass der Strukturwandel zu einem dauerhaften Beschäftigungseinbruch führt.

Quellen: VDA (Verband der Automobilindustrie), Statistisches Bundesamt, autoflotte.de, finanznachrichten.de, industriemagazin.at, cash-online.de

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